Warum ich manchmal lieber Sheldon Cooper wäre.
Über Weiblichkeit, Inanna, Lilith und die Frage, wer uns erzählt hat, dass wir nur eines sein dürfen.

Sheldon, meine Mutter und die hungrige Ratte
Manchmal wünsche ich mir einfach, Sheldon zu sein, dessen einziges Problem Flaggen, Stringtheorie und Kripke sind. Sheldon Cooper hat es wirklich gut. Ihn plagen keine Gedanken über Verfügbarkeit, Entziehung und andere menschliche Dramen. Die einzige Sehnsucht, die der liebe Sheldon hat, ist, endlich den Nobelpreis zu bekommen. Nee, wenn das schon alles ist.
Stattdessen muss ich über Weiblichkeit und Vielfalt nachdenken. Und diese Gedanken führen zu nichts.
Wenn Frau wieder nicht schlafen kann, kommen manchmal solche Gedanken aus den seltsamsten Quellen. Und wenn die Lieblingskneipe nicht weit weg ist und der Gin Tonic ziemlich süffig, dann fängt man unweigerlich an zu philosophieren.
Was ist eigentlich Weiblichkeit?
Meine Mutter predigte mir heute, wie wichtig es sei, für die Familie zu kochen. Als ich ihr sagte, dass Kochen nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist und wir alle Hände haben und groß genug sind, uns selbst etwas zu machen, sagte sie nur:
"Aber du bist die Frau."
Na, da haben wir ihn.
Diesen Satz, den keine Frau hören will und der sich über die verschiedensten Wege seine Bahn durchboxt, unermüdlich an diesem ziemlich banalen schlechten Gewissen nagt wie eine verfluchte, ausgehungerte Ratte.
Ich wehrte mich natürlich, aber für eine Sekunde wagte ich, an meinem selbst erschaffenen Bild zu zweifeln. Das gleicht einem kleinen Erdbeben, bei dem alles ins Wanken kommt.
Ist mein Weg der richtige? Sind meine Beobachtungen, Wünsche und Vorstellungen wirklich schlüssig und vertretbar? Vielleicht bin ich wieder zu egoistisch, faul, obszön in meinem Wollen.
Ich vermute, ich bin eine von Millionen Frauen, die die eigene gewonnene Freiheit immer hinterfragen.
Auch beim Schreiben ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich zu freizügig und offen mit manchen Themen umgehe.
Was sagen die Leute?
Würde sich ein männlicher Schriftsteller Gedanken über solche Probleme machen?
Ich bezweifle es.
Wenn ich mir die Literaturwelt anschaue: Henry Miller, Bukowski, Wilde und natürlich de Sade, und, und, und.
Die Liste würde unerträglich lang, wenn man darüber nachdenkt.
Ich versuche mir vorzustellen, wie de Sade seinen Kumpel fragte, ob die Szene, in der Justine wieder im Bordell eine männliche Gruppenvergewaltigung erlebt, nicht zu heftig ist.
Oder wie Bukowski zwischen zwei Wodkazügen darüber nachdenkt, was die Mutti dazu sagt.
Nun die Frauen.
Da muss man lange suchen.
Außer Anaïs Nin, Audre Lorde oder Colette muss ich mich wirklich anstrengen, eine wirklich freie Frauenliteratur zu finden. Natürlich aus verschiedenen Gründen. Und hier würden die Gründe definitiv das Thema sprengen. Wichtig ist auch nicht, wie viele es sind, sondern warum.
Die ungezähmte Göttin
Wo ist der Ursprung unserer Weiblichkeit?
Ist tatsächlich das Kochen, Dienen und Sich-Fügen das Einzige, was uns ausmacht?
Das, was wir sehen, fühlen und wie wir uns benehmen? Ist das alles nur gelernter Bullshit von Knigge, Religionen und gesellschaftlichen Sitten? Sind das tatsächlich wir? Und wenn nicht: Wo ist der Ursprung?
Brauchen wir Frauen einen Ursprung?
Jeder braucht doch einen Ursprung.
Wurzeln.
Archetypen, denen man sich zuwenden kann, wenn es brennt.
Und dann dachte ich an sie.
Meine Zuflucht an solchen Tagen, an denen jedes Freiheitsgefühl von einer grauen Masse massakriert wird: was ich als Frau, Mutter und Gattin so tun muss im Leben.
Meine Heldinnen des Tages.
Eva?
Nö.
Lilith?
Nicht unbedingt, obwohl mir die jüdisch-feministische Theologie, in der Lilith im Midrasch als durchsetzungsfähige Frau und nicht als Dämonin dargestellt wird, schon sehr gefällt.
Aber heute grabe ich tiefer zu Inanna, der sumerischen Göttin der Oberwelt.
Meine erste Begegnung mit Inanna war eigentlich ein Versehen.
Ich habe ein Buch über Tarot von Hajo Banzhaf entdeckt und da, tatatata: die Legende und Tarot-Auslegung zu Inannas Abstieg in die Unterwelt.
Die erste Heldinnenreise, die ich gelesen habe.
Ich war fast so stolz auf meine Entdeckung, als würde ich mich selbst auf die Reise begeben.
Also Inanna:
Die Göttin des Himmels besucht ihre Schwester Ereschkigal in der Unterwelt.
Die schwesterliche Liebe ist so herzerwärmend, dass einem die Haare zu Berge stehen.
Das Ganze endet mit Tod, Wiederbelebung, einem Fluch und einem Geliebten, der einen sehr hohen Preis dafür bezahlt, dass er nicht genug um Inanna trauerte.
Der Schuft. Wie kann er auch?
Eigentlich braucht man keinen neuen Krimi.
Unsere Legenden und Mythen reichen völlig für den Tatort.
Aber mich hat etwas anderes erwischt.
Inanna war keine brave Göttin.
Sie war nicht nur Licht, Liebe und hübsch drapierte Weiblichkeit.
Und sie trug ganz bestimmt kein blaues Marienmäntelchen.
Sie stand für Selbstliebe, Begehren, Macht, Krieg, Widerspruch und Zerstörung.
Endlich eine weibliche Figur, die nicht kleiner gemacht wurde, damit andere sich besser in Szene setzen konnten.
Wie zum Beispiel Lilith, aus der man einen Dämon macht, weil sie sich der sexuellen Triebsamkeit von Adam widersetzte. Die Arme. Sie hat selbst Gott überlistet, der ihr seinen heiligen Namen verraten und ihr dementsprechend Macht gegeben hat. Und was wünschte sich die Frau? Flügel. Damit sie so weit wie möglich von Adam aus dem angeblichen Paradies fliehen kann. Finde den Fehler.
Und Inanna?
Sie muss nicht beten. Sie ist einfach da.
Und genau das fasziniert mich.
Sie ist nicht gut.
Sie ist nicht schlecht.
Sie ist.
Und von uns Frauen fast vergessen.
Dabei könnte sie Maria so schnell in den Schatten stellen, dass die Arme noch ihren Heiligenschein verliert.
Warum also ist sie vergessen?
Wie alles, was uns Frauen wirklich ausmacht.
Wir sind in Sitten verpackt, in "Das gehört sich nicht" verschnürt wie Schinken auf einem Basar. Wir sind stolz auf Bescheidenheit, stolz darauf, uns dem einen Wunsch zu ergeben, gute Mutter und tüchtige Frau zu sein, auf deren To-do-Liste von morgens bis abends "busy" steht.
Die Männer haben Hobbys, statistisch acht Stunden mehr Zeit für Freizeit, die Frauen haben Taxidienste und Haushalt.
Herzlichen Glückwunsch.
Schade eigentlich.
Besuch um drei Uhr morgens
Gin Tonic ist übrigens auch alle.
Draußen ist es dunkel.
Kalt.
Die Scheiben der Bar sind beschlagen.
Irgendwo läuft Musik, die niemand wirklich hört.
Ich sitze an der Theke, mein Notizbuch vor mir, den Stift in der Hand, und starre auf diese Frage:
Was ist eigentlich Weiblichkeit?
Und warum jammere ich eigentlich?
Ich sollte doch stolz sein.
Ich kann wählen.
Ich kann Auto fahren.
Ich kann sogar die Pille danach kaufen, und wenn ich Glück habe, wird mir kein Apotheker den Kopf waschen und mich böse anschauen.
So weit sind wir.
Wo ist eigentlich der Champagner?
Wir dürfen doch fast alles, wir Frauen.
Zwar mit schlechtem Gewissen.
Aber immerhin.
Das Patriarchat dauerte grob zehn- bis zwölftausend Jahre.
Der Feminismus höchstens hundertachtzig.
Also sollte sich eine Frau wohl gedulden.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger weiß ich.
Stattdessen sitze ich hier und frage mich mit einundfünfzig Jahren, ob ich überhaupt eine Frau bin.
Ob es Sinn hat, sich das andauernd zu fragen, wer ich bin? Ich bin etwas dazwischen, austariert wie eine Schweizer Uhr.
Vor ein paar Jahren hätte ich über diesen Satz gelacht.
Heute bestelle ich einen Gin Tonic und starre ihn an und lache nicht mehr.
Neben mir setzt sich eine Frau.
Dunkle Locken. Goldene Ohrringe.
Schwarze Pupillen beobachten mich unbewegt.
Umrahmt von Kajal. Eine ziemlich perfekte Umrandung mandelförmiger, alter Augen. Wie hat sie das geschafft, denke ich mir neidisch nebenbei.
Dieser Blick:
Jahrtausende und müde Geduld.
"Du denkst zu viel", sagt sie.
"Und du bist?"
"Na, was wohl?"
"Bestimmt nicht meine Steuerberaterin aus Bielefeld."
"Bielefeld existiert nicht", sagt sie.
Ich lache.
Sie nicht.
"Du willst wissen, ob du eine Frau bist."
"Ja."
"Warum?"
Ich schweige.
Meine Schultern senken sich.
Wieder keine Antwort.
Sie nimmt einen Schluck von meinem Gin Tonic. Bediene dich. Aber bitte.
"Vielleicht ist die bessere Frage nicht: Was bist du?"
"Sondern?"
"Wer hat dir erzählt, dass du nur eines sein darfst?"
"Noch einen Gin Tonic?"
Jemand schüttelt mich leicht an der Schulter.
Ich blinzle.
Die Bar ist fast leer.
Die Frau neben mir ist verschwunden.
Der Barkeeper steht vor mir und schaut auf mein Glas.
"Alles in Ordnung?"
Ich sehe auf mein Notizbuch.
Draußen regnet es immer noch.
Ich nicke.
Und bin nicht sicher.
