UTOPIA I – Wir brauchen ein Dach über dem Kopf

28.08.2026

Wie ich in der Wüste eine Stadt baue, Dächer zum Kühlen bringe und dem Weltraum ein paar Watt abtrotze.

Wisst ihr, ich habe mir ein kleines, sehr beschauliches Paradies gebastelt.

Eine Gesellschaft, in der ich tatsächlich gerne wohnen würde. Eine, in der Geschlechter keine große Rolle mehr spielen. In der Männer Frauen nicht erklären, was sie nicht können, und Frauen Männern nicht erzählen, sie seien minderwertiger, weil sie eben keine Mütter sind. Eine Gesellschaft, in der es selbstverständlich ist, dass Frauen, Männer und Menschen, die sich ganz anders bezeichnen, die gleiche Wertschätzung genießen.

Auch die Hautfarbe spielt keine Rolle. Haut ist Haut. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Ein ziemlich nützliches Organ, muss man zugeben, aber eben ein Organ und keine gesellschaftliche Rangordnung oder Identitätsfrage.

In meiner Gesellschaft verbinden und vermischen sich Menschen in jeder erdenklichen Konstellation. Biologisch betrachtet hat Vielfalt der Menschheit ohnehin nie geschadet.

Im Gegenteil.

Hauptsache, wir wollen es.

Eine androgyne Gesellschaft also.

Eine Vorstellung davon, wie Menschen miteinander leben könnten, wenn wir ein paar sehr alte Gewohnheiten endlich auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen würden.

Ich habe mir sogar schon eine Religion ausgemalt.

Das Ziegentum.

Zugegeben, daran muss ich noch ein bisschen feilen, aber die Grundprinzipien stehen.

Alles wunderbar.

Ich bin ziemlich zufrieden mit meinem kleinen illusionären System.

Nur wohnen meine Leute bisher im Nichts.

Und da eine ideale Gesellschaft vermutlich genauso ungern im Regen steht wie eine beschissene, braucht sie jetzt eine Stadt.

Eine richtige Stadt.

Mit allem Pipapo.

Ich stelle mir sogar schon vor, wie ich die Wände bemalen würde. Mein überhitztes Gehirn würde nämlich am liebsten genau damit anfangen.

Wer braucht schon Mauern, wenn man über die Farbe sinnieren kann?

Leider funktioniert Architektur in dieser Reihenfolge nur mäßig.

Ich kann auch nichts dafür. Sogar in meinen Vorstellungen existieren Materie, Gravitation und der ganze lästige Rest.

Menschen besitzen diese merkwürdige Fähigkeit, etwas zu sehen, bevor es existiert

Ich gehöre zu dieser Kategorie von Träumern.

Ich denke und lebe in Bildern. Ein Geruch ist für mich nicht nur ein Geruch, er wird zu einem Bild. Jede Farbe ist ein Bild und jedes Wort irgendwann auch.

Und ich habe begriffen, dass genau dort Materie anfängt.

Zuerst ist da ein Bild im Kopf.

Ich vermute, Thomas Morus muss auf ähnliche Weise gedacht haben, als er 1516 seine Insel Utopia beschrieb. Ein Wort, das heute ziemlich zuverlässig hervorgeholt wird, wenn etwas ein bisschen zu naiv, zu groß oder zu verträumt klingt.

Dabei hatte diese Spinnerei erstaunliche Nachwirkungen. Morus entwarf unter anderem eine Gesellschaft ohne privaten Besitz.

Jahrhunderte später tauchten ähnliche Gedanken in sozialistischen und kommunistischen Entwürfen wieder auf. Zum Beispiel bei Étienne Cabet. Er schrieb Reise nach Ikarien und versuchte später sogar, seine ideale Gemeinschaft in Amerika aufzubauen.

Ohne dauerhaften Erfolg, aber mit erstaunlich viel Elan.

Und falls jetzt jemand behauptet, die Russen seien das gewesen:

Nein, die Russen haben den Kommunismus nicht erfunden. Die Geschichte ist, wie meistens, wesentlich unordentlicher.

Aber eigentlich hat meine Geschichte noch nicht einmal mit Morus angefangen.

Denn mehr als hundert Jahre vor ihm saß da eine Frau.

Christine de Pizan.

Christine de Pizan: Die erste Patrona unserer Stadt

1405 schrieb sie Das Buch von der Stadt der Frauen. Und interessanterweise erinnern wir uns kollektiv wesentlich zuverlässiger an Morus als an sie.

Das ist jammerschade, denn diese Frau war bemerkenswert.

Autorin, Intellektuelle und eine Frau, die von der ständigen Misogynie ihrer Zeit offenbar dermaßen die Nase voll hatte, dass sie etwas tat, was mir ausgesprochen sympathisch ist:

Sie baute eine Stadt.

Nicht aus Stein.

Aus Worten.

Christine lässt in ihrem Buch drei allegorische Frauen auftreten: Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. Gemeinsam errichten sie eine symbolische Stadt, in der die Geschichten und Leistungen von Frauen zu Fundamenten, Mauern und Gebäuden werden. In erhaltenen Handschriften sieht man Christine sogar selbst beim Ausheben der Fundamente.

Das gefällt mir. Eine Frau, die weiß, was sie will!

Wenn die vorhandene Welt dir keinen vernünftigen Platz gibt, baust du eben eine andere.

Natürlich war Christine keine Feministin des 21. Jahrhunderts. Wir reden über das frühe 15. Jahrhundert. Da darf man von einer Frau wirklich nicht verlangen, dass sie nebenbei ihre Mieder verbrennt und Vulvasymbole an die Stadtmauern plakatiert.

Aber sie widersprach der Vorstellung weiblicher Minderwertigkeit und setzte ihr eine Welt entgegen, in der Frauen Würde, Verstand und Geschichte besitzen.

Und vielleicht hole ich sie deshalb hier noch einmal auf die Bühne.

Sie ist zwar nicht vergessen worden und ihre Handschriften liegen noch heute in großen Sammlungen. Aber außerhalb dieser Räume ist Morus' Utopia zum Begriff geworden, während wesentlich weniger Menschen Christines Stadt kennen.

Also bekommt sie einen Platz in meiner.

Quasi als erste Patrona.

Und auf dieser Grundlage dachte ich mir:

Ich spinne einfach weiter.

Warum denn auch nicht?

Wenn Bugsy Siegel sich in unserer kollektiven Erinnerung halb Las Vegas unter den Nagel reißen konnte, werde ich wohl noch eine imaginäre Stadt zustande bringen.

Papier ist bekanntlich erstaunlich geduldig.

Also ab in die Wüste: 50 Grad, kein Schatten

Und hier kommt Bugsy Siegel.

Es gibt diese wunderbare Vorstellung vom Mann, der mitten in die Wüste schaut, nichts als Sand vor sich sieht und beschließt:

Genau hier bauen wir Las Vegas.

Leider ist die Geschichte zu schön, um wahr zu sein.

Las Vegas existierte längst. Auch Hotels und Casinos gab es bereits, bevor Siegel auftauchte. Der Mythos hat ihm nur irgendwann freundlicherweise die ganze Stadt zugeschrieben.

Aber genau deshalb interessiert mich die Legende. Nicht wegen Bugsy Siegel. Wegen dieser verdammten Wüste. Wegen der menschlichen Fähigkeit, auf etwas Leeres zu schauen und dort etwas zu sehen, das noch gar nicht existiert.

Das kann ich auch.

Und du kannst es auch.

Eigentlich können wir das alle.

Wir können uns Gesellschaften vorstellen, Rituale, Regeln, Gebäude und vollkommen andere Arten, miteinander zu leben.

Also bist du, die oder der diesen Text gerade liest, eingeladen, mit mir zu spinnen. So lange, bis wir alles zusammenhaben, was eine funktionierende Stadt braucht. Gesellschaftlich, strukturell und irgendwann zwangsläufig auch ganz praktisch.

Wie Las Vegas.

Nur sinnvoller, ökologischer und gerechter als dieses Plastikparadies.

Eines steht jedenfalls fest:

Die Wüste ist schon da.

Der Sand knirscht unter unseren Füßen. Ein ewiger Singsang aus feinen Körnern und Wind. Die Sonne knallt mit voller Kraft auf uns herunter.

Fünfzig Grad. Kein Schatten. Am Horizont flimmert die Luft, als würden wir direkt ins Feuer schauen. Der Himmel ist tiefblau. Der Sand gelb. Du denkst aus irgendeinem Grund an Sonnenblumen. Und plötzlich ist dir klar:

Hier müssen wir leben.

Hier müssen wir unsere Zukunft bauen.

Denn wenn wir nicht aufpassen, könnte genau das unsere Zukunft sein.

Unser Planet als Wüste.

Also gut. Fünfzig Grad. Kein Schatten. Womit fangen wir an?

Gott sei Dank existiert Geld in meiner Vorstellung nicht.

Das vereinfacht die Sache erheblich.

Und weil wir hier sowieso schon hemmungslos utopisch unterwegs sind, stehen die ersten Gebäude bereits da. Wie das am Anfang eben so ist, sind sie nicht besonders hübsch, aber funktional. Vier Wände, ein Dach, Türen. Fenster nicht vergessen. Die Gravitation habe ich ebenfalls berücksichtigt. Man soll mir später nicht vorwerfen können, ich würde Luftschlösser bauen.

Nur die Temperatur ist ein Problem.

Was macht man mit einer Sonne, die erbarmungslos auf alles knallt und jede Oberfläche aufheizt, die ihr in die Quere kommt?

Klimaanlagen?

Natürlich könnte ich meine frisch gebaute Stadt einfach damit vollstopfen. Nur wäre das eine ziemlich bescheuerte Art, eine Zukunftsstadt anzufangen. Wir verbrauchen Energie, um die Häuser innen kalt zu bekommen, und blasen die Wärme nach draußen, wo es ohnehin schon heiß genug ist.

Also brauche ich etwas anderes. Und genau an dieser Stelle fiel mir eine Farbe vor die Füße. Na ja. Keine Farbe im üblichen Sinne.

Nanotechnologie.

Ich habe keine Ahnung von Nanopartikeln. Das sollte an dieser Stelle erwähnt werden. Meine physikalische Ausbildung besteht im Wesentlichen daraus, Dinge fallen zu lassen und anschließend ziemlich zuverlässig festzustellen, dass die Schwerkraft noch funktioniert. Ein Blick in den Spiegel bestätigt das jeden verfluchten Tag. Meine Brüste küssen bald den Boden und meine Gesichtsfalten ähneln zunehmend denen eines Mopses, den ich nicht einmal habe.

Aber dieses Kreuz tragen wir alle. Außer Heidi Klum. Die wurde offenbar irgendwann in Frischhaltefolie eingeschweißt. Nicole Kidman vermutlich auch.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Physik. Davon habe ich bedauerlicherweise nur vage Vorstellungen. Aber ich kann lesen. Und ich kann Fragen stellen.

Vor einiger Zeit blieb ich an einer Forschungsarbeit über ein Material hängen, das Oberflächen ohne Klimaanlage und ohne zusätzlichen Strom kühlen kann.

Einfach so.

Das Team des spanischen Forschungsrats CSIC hat dafür eine dreidimensionale Nanostruktur aus PVDF entwickelt. Frag mich nicht, was das ist. Aber es klingt spacig. Das Material reflektiert einen großen Teil der Sonnenstrahlung und gibt Wärme als Infrarotstrahlung in Richtung Himmel ab. Dort oben gibt es das sogenannte atmosphärische Fenster. Einen Bereich, in dem unsere Atmosphäre diese Strahlung leichter hindurchlässt.

Stell dir vor, vor dem Weltall hängen Vorhänge. Meistens schwere Baumwolle. An einer bestimmten Stelle allerdings nur dünne Seide. Dort kann die Wärme leichter hindurch. Zumindest stelle ich mir den Vorgang so vor.

Wissenschaft in Bildern ist für mein Gehirn wesentlich bekömmlicher.

Bei Versuchen in Madrid war die untersuchte Oberfläche unter bestimmten Bedingungen bis zu 12,9 Grad kühler als eine leere Referenzbox. Nicht als die Umgebungsluft. Das ist leider ein Unterschied. Ein ziemlich wichtiger sogar. Und natürlich ist das noch Forschung. Keine Fassadenfarbe, die wir morgen im Baumarkt neben Alpinaweiß finden. Wie lange das Material hält und ob man damit irgendwann ganze Dächer beschichten kann, weiß bisher niemand.

Aber im Grunde macht es etwas derart Simples und Elegantes, dass man es, wäre es ein Mensch, direkt heiraten würde.

Es kühlt.

Das klingt zunächst nicht besonders spektakulär. Bis man darüber nachdenkt, was man damit anstellen könnte. Denn plötzlich sah ich keine beschichtete Versuchsfläche mehr. Ich sah Menschen, die bei fünfzig Grad nicht wissen, wo sie sich noch verstecken sollen. Egal, wohin sie gehen: Beton, Dächer und Straßen strahlen ihnen die gespeicherte Hitze entgegen.

Dann sah ich meine Stadt.

Die hässlichen ersten Häuser bekamen Dächer, die sich anders verhielten als unsere heutigen. Menschen und Tiere konnten sich dort aufhalten, ohne verzweifelt im Internet nach der nächsten Klimaanlage zu suchen.

Und mein Gehirn tat das, was es in solchen Situationen immer tut: Es hörte nicht auf. Warum nur Häuser? Was ist mit Stadien, Straßen, Hallen, Fabriken und öffentlichen Plätzen? Was wäre, wenn wir gleich die Oberfläche einer ganzen Stadt neu denken?Eine Stadt, die nicht ständig gegen ihre Umgebung arbeiten muss, weil sie sich selbst beim Kühlen hilft. Und da war sie wieder. Diese ausgesprochen lästige Frage:

Was wäre, wenn?

Aber zurück zum Anfang.

Das Dach hätten wir damit zumindest theoretisch gekühlt.

Die kalte Seite schickt keine Rechnung

Jede Stadt braucht Strom.

Wir wollen Spülmaschinen, Waschmaschinen, unsere geliebten Laptops und Handys. Wir lieben Strom und den Komfort, den er uns verschafft. In die Steinzeit möchte schließlich niemand zurück.

Obwohl …

Ganz sicher bin ich mir bei manchen Menschen nicht.

Bevor wir uns also um Belanglosigkeiten kümmern, müssen wir erst einmal Strom erzeugen.

Auf eine Idee brachte mich A.L. Nescio mit einem Kommentar unter meiner Notiz:

Jedes Kraftwerk lebt von einem Gefälle. Auf einer Seite ist es heiß, auf der anderen kalt. Dazwischen setzt sich etwas in Bewegung und daraus entsteht Strom.
Die heiße Seite erzeugen wir seit ungefähr zweihundert Jahren mit erheblichem Aufwand. Wir verbrennen Kohle, Öl und Gas, spalten Atome und erhitzen Wasser, bis eine Turbine sich endlich bequemt, ihre Arbeit aufzunehmen.
Die kalte Seite hängt währenddessen gratis über jedem Dach.
Der Weltraum.
Knapp drei Grad über dem absoluten Nullpunkt. Das größte Kühlhaus, das es gibt.

An dieser Stelle: Danke dafür.

Also schaue ich nach oben.

Jepp.

Der Weltraum ist da. Kalt, ungemütlich und, wenn man ihn mit ganz anderen Augen betrachtet, ausgesprochen nützlich. Nachts strahlen Oberflächen weiterhin Wärme in Richtung Himmel ab. Unter einem klaren Himmel kann eine geeignete Fläche dadurch sogar kälter werden als die Luft um sie herum. Und plötzlich haben wir wieder ein Gefälle. Oben eine kalte Fläche. Darunter wärmere Umgebungsluft. Dazwischen Strom. Nun gut. Noch keinen nennenswerten Strom. Aber wir fangen schließlich gerade erst an.

Rom wurde auch nicht in einer Nacht gebaut. Sogar Gott brauchte sechs Tage, um die Welt zu meistern. Und der ist laut einigen Religionen allmächtig.

Also Geduld.

2019 probierte ein Stanford-Team genau das aus. Eine zum Himmel gerichtete Fläche kühlte nachts aus. Zwischen ihr und der wärmeren Umgebung saß ein thermoelektrischer Generator und machte aus dem Temperaturunterschied ein wenig Strom. Keine Turbine. Tschüss, Jules Verne. Nichts drehte sich. Kein dramatisch zischender Dampf. Nur ein Halbleiter, der einen winzigen Teil des Wärmestroms in elektrische Spannung verwandelte. Das nennt sich Seebeck-Effekt. Ein sexy Name. Heraus kamen ungefähr 25 Milliwatt pro Quadratmeter. Genug für eine kleine LED.

Keine Waschmaschine. Wahrscheinlich nicht einmal eine ausgesprochen genügsame Kaffeemaschine. Und das, meine Damen und Herren, wäre in meiner Vorstellung vom Paradies ein absolutes No-Go. Kaffee bleibt kritische Infrastruktur.

Für kleine Lampen, Messgeräte oder Sensoren könnte der Strom trotzdem reichen. Und Berechnungen zufolge wäre mit besseren Materialien theoretisch noch deutlich mehr möglich.

Theoretisch.

Dieses Wort müssen wir dick unterstreichen. Zwischen einer Modellrechnung und einer funktionierenden Stadt liegt bekanntlich eine gewisse Strecke. Meistens gepflastert mit Materialproblemen und Ingenieurinnen, die einem erklären, warum die geniale Idee noch nicht funktioniert.

Leider kann ich die spanische Nanostruktur und den Stanford-Aufbau vorerst nur gedanklich mit Sekundenkleber zusammenkleben. Ob beides technisch miteinander funktionieren würde, müsste erst erforscht werden.

Bis hierhin Wissenschaft.

Und ich bin Träumerin.

Also zurück zu meiner Stadt.

Sie besitzt Dächer, die tagsüber beim Kühlen helfen und nachts ein wenig Strom erzeugen. Nicht genug für alles. Aber genug, damit an dunklen Wegen kleine Lampen angehen, Sensoren das Wasser kontrollieren und niemand über die eigenen Füße stolpert, weil die Stadtverwaltung, in diesem Fall also ich, am Licht gespart hat.

Und das Beste daran:

Das Gefälle selbst kostet nichts.

Die kalte Seite schickt nie eine Rechnung.
A.L. Nescio

Damit hätten wir ein paar Watt und ein erstaunlich zufriedenes Dach.

Die Schlafzimmer-Physik: Wie viel Watt bringt das Bett?

Aber mein Gehirn gibt sich mit ein paar Watt natürlich nicht zufrieden. Es wandert ins Schlafzimmer. Reibung. Davon entsteht im Bett bekanntlich eine ganze Menge. Technisch betrachtet wären es wohl eher Bewegung, Druck und Verformung. Es gibt tatsächlich Materialien, die daraus kleine elektrische Ladungen erzeugen können. Stellen wir uns also eine Matratze vor, die unsere Bewegungen auffängt, in Strom umwandelt und anschließend speichert.

Und wieder unser bekanntes, schon ein wenig ausgelutschtes Beispiel: die Waschmaschine persönlich. Die würde durch unsere nächtlichen Bewegungen nicht ansatzweise funktionieren. Aber möglicherweise würde es für das Licht am Frühstückstisch reichen.

"Schätzchen, kommst du bitte? Wir brauchen Licht fürs Frühstück."

"Jetzt?"

"Ja. Wir müssen reiben."

Was für eine herrliche Vorstellung.

Andere Städte bitten ihre Bewohnerinnen und Bewohner, weniger Energie zu verbrauchen. Meine schickt sie ins Bett. Natürlich freiwillig. Wir sind schließlich immer noch in meiner Utopie.

Und wir dürfen unsere Wüste nicht vergessen.

Dort könnten Solaranlagen den Rest übernehmen. Es gibt sogar Forschung aus China, nach der große Solarparks das Wüstenklima verändern können. Und noch etwas: Wir sollten nach unten schauen. Denn unter unseren Füßen fließt den ganzen Tag warmes Wasser durch die Kanalisation, und bisher lassen wir auch diese Energie einfach davonlaufen.

Aber das alles, sowohl die chinesische Forschung als auch unser Abwassersystem, kommt im nächsten Teil unserer Reihe über meine Stadt. Dann behandeln wir unsere Exkremente, Pipi und alles andere, was in unseren Kanälen herumschwimmt, als wäre es pures Gold. Dazu kommen die Ideen von Laut & Leise Leiser und TscheyPi über essbare Landschaften.

Oh mein Gott.

Wie spannend.

Jetzt seid ihr dran: Wie nennen wir die Stadt und wie speichern wir die Energie?

Die Stadt braucht übrigens dringend einen Namen.

Und einen Energiespeicher.

Da muss ich zugeben: Beim Speicher fehlen mir noch die wirklich guten Ideen. Batterien? Pumpspeicher? Wärme? Wasserstoff? Alles möglich. Nichts davon kommt ohne eigenen Rucksack.

In meiner Vorstellung existiert zwar kein Geld.

Die Physik stellt offenbar trotzdem Rechnungen.

Gäste meiner Stadt

Diese Menschen, Bücher und Forschungsarbeiten haben beim Bau geholfen:

  • Thomas Morus: Utopia, erstmals erschienen 1516. Deutscher Volltext bei Project Gutenberg

  • Christine de Pizan: Das Buch von der Stadt der Frauen, 1405. Beschreibung des Werkes und der allegorischen Frauen Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit: Library of Congress

  • Étienne Cabet: Informationen über Reise nach Ikarien und Cabets Versuch, in den USA tatsächlich ikarische Gemeinschaften aufzubauen: Texas State Historical Association

  • Bugsy Siegel und das Flamingo: Zur Entstehung des Flamingo und zum Mythos, Siegel habe Las Vegas erfunden: The Mob Museum

  • A. Iglesias-Elcano et al.: "Template-Assisted 3D-PVDF Nanonetworks for Passive Daytime Radiative Cooling", 2026. Grundlage für die Angaben zu Sonnenreflexion, Wärmeabstrahlung, Kühlleistung und dem Versuch bei Madrid: wissenschaftlicher Artikel, CSIC-Zusammenfassung

  • Aaswath P. Raman, Wei Li und Shanhui Fan: "Generating Light from Darkness", 2019. Versuch zur nächtlichen Stromerzeugung durch Strahlungskühlung; gemessen wurden ungefähr 25 Milliwatt pro Quadratmeter: Joule

  • Lingling Fan, Wei Li und Shanhui Fan: "Maximal Nighttime Electrical Power Generation via Optimal Radiative Cooling", 2020. Modellrechnung, nach der theoretisch mehr als zwei Watt pro Quadratmeter möglich wären: Optics Express – PDF

  • Sid Assawaworrarit, Zunaid Omair und Shanhui Fan: "Nighttime Electric Power Generation at a Density of 50 mW/m² via Radiative Cooling of a Photovoltaic Cell", 2022. Nächtliche Stromerzeugung mit einem thermoelektrischen Generator an einem Solarmodul: Applied Physics Letters, frei zugänglicher Volltext

  • Renyun Zhang et al.: "Engineering Triboelectric Paper for Energy Harvesting and Smart Sensing", 2025. Unter einer Matratze angebrachtes Material registrierte Bewegungen und sogar Atembewegungen als elektrische Signale: Advanced Materials

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