Menschen sind keine Ersatzteile. Leider.Über einen Schreiburlaub, zu viel Ruhe, eine Frau, die nicht einfach verschwindet, und diese seltenen Momente, in denen Vergangenheit und Zukunft endlich die Klappe halten.

18.09.2026

Über einen Schreiburlaub, zu viel Ruhe, eine Frau, die nicht einfach verschwindet, und diese seltenen Momente, in denen Vergangenheit und Zukunft endlich die Klappe halten

Sanduhr in einer stillen Landschaft mit Spiegelung in der Wasseroberfläche.
Menschen hinterlassen Spuren. Sie sind keine Ersatzteile.

Der Plan war ziemlich einfach

Ich bin für zwei Wochen weggefahren, um allein zu sein … umgeben von Situationen, die ich nicht kenne, Menschen, die mir fremd sind, und einer großen Stadt, die mich einsaugt und glücklich macht. Wo mich niemand kennt und ich so anonym bin wie die nächste Straßenecke.

Das war der Plan.

Allein sein, schreiben, schlafen, denken. Niemandem erklären müssen, warum ich morgens um sechs Kaffee trinke und um halb elf schon wieder müde bin, weil ich bis zwei Uhr nachts durch die Straßen geschlendert bin und Fotos von der Dunkelheit und den Lichtern der Laternen gemacht habe. Zwei Wochen nur ich und der dritte Teil meines Buches, den ich dazwischen lässig weiterschiebe. Immer mit Lust und Zeit, mal eben viertausend Wörter zu schreiben. Einfach so. Nebenbei.

Ich wollte Ruhe … diese aufgekratzte Ruhe. Ich sah mich ein bisschen wie Cohen: eine Zigarette nach der anderen, der erste Roman auf einer Schreibmaschine, irgendwo zwischen einem Drink und dem nächsten, einer Frau und der nächsten.

Okay. Mit den Drinks würde es nicht hinhauen. Ich habe mit der Zeit einen empfindlichen Magen bekommen. Die Zerbrechlichkeit des Alters hat mich eingeholt. Aber der Rest sollte stimmen. Na ja, außer der Schreibmaschine. Wir sind schließlich im KI-Zeitalter. Niemand schleppt heute eine Schreibmaschine von Opa durch halb Deutschland. Aber Cafés und Frauen … das sollte passen.

Stattdessen bin ich in einem Kaff gelandet, das noch weiter weg ist, als ich zu meinem Entsetzen gedacht hatte, in einer Wohnung, die mich an einen Kühlschrank erinnert. Selber schuld, wenn man sich in das Wort Nürnberg verliebt und vorher nicht recherchiert, wo dieses Kaff eigentlich liegt.

Das Kaff, dessen Namen ich hier nicht erwähnen werde, hat mit Nürnberg ungefähr so viel zu tun wie Erde und Mars: theoretisch die gleiche Galaxie. Das war's dann aber auch.

Ich wollte Ruhe. Und bekam sie. Die volle geballte Ladung.

Wenn Ruhe plötzlich laut wird

Das Problem mit Ruhe ist nur: Sie hält einem ziemlich zuverlässig alles unter die Nase, was man vorher noch erfolgreich übertönt hat. Die Gedanken. Die Probleme. Die Sehnsüchte. Und diese verdammte Zeit, die sich plötzlich wie Kaugummi dehnt.

Menschen, die dich verlassen haben, bekommen wieder ihre fünf Minuten. In Dauerschleife. Auch Beziehungen, die man selbst beendet hat. Aus Vernunft. Nicht, weil das Herz eine besonders überzeugende Meinung dazu hatte.

Das Herz, dieser schlimmste Verräter, schreit einfach weiter. Mit fünfzig an Herzschmerzen dieser Art zu leiden, ist eigentlich lächerlich. Herzinfarkte, verstopfte Arterien, Bypässe – das sind Themen, mit denen man sich in diesem Alter beschäftigen darf. Aber doch nicht Gefühle.

Gefühle sind für die jüngere Generation gedacht. Teenie-Alter bis höchstens vierzig. Nicht für abgebrühte 50 plus. So etwas existiert nicht. Und wenn doch, hat man es bestimmt ganz schnell im Griff.

Ha. Nein. Nicht wirklich. Nicht ich.

Ich leide also in dieser stillen Wohnung, zwischen weißen Wänden und weißen Gardinen mit blassrosa Blümchen. Mich beobachten hier Poster und Kalender mit Sprüchen über menschliche Liebe, und ich kann mir ein paar Flüche nicht verkneifen. Ach, und die Katze.

Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass sie mich nicht bemitleidet. Für sie bin ich tatsächlich nur der Dosenöffner und Krauler. Und wehe, ich komme spontan auf die Idee, sie ohne vorherige Genehmigung zu streicheln. Fauchen vorprogrammiert.

Ich fluche trotzdem. Eigentlich fluche ich den ganzen Tag. Aus verschiedenen Gründen. "Wo bist du hier gelandet, verfluchte Scheiße?" ist dabei noch eine der Formulierungen, die ich problemlos veröffentlichen kann, ohne dass ihr schleunigst von Bord geht.

Manche zusammenhängenden Ketten von Beleidigungen – vorzugsweise auf Polnisch – können durchaus fünf Minuten dauern. Relativ laut. Einer der Vorteile des Alleinseins: Man kann in einer Sprache fluchen, die keiner versteht, und trotzdem sehr präzise beleidigen.

Was bleibt, wenn jemand geht

Und zwischen all dem Fluchen kommt sie zurück. Nicht wirklich natürlich. Schlimmer: als Erinnerung.

Ich betrauere sie. Ich betrauere die Momente, in denen ich ausgeschaltet war zwischen zwei weichen Schenkeln. Diesen Geruch. Diese seltsame Stille in meinem Kopf, die ich vorher so nicht kannte. Das kann ich inzwischen sagen, ohne daraus gleich eine Oper in fünf Akten zu machen.

Ich betrauere nicht nur einen Menschen. Ich betrauere eine Möglichkeit. Eine bestimmte Form von Nähe. Diese langsame Sinnlichkeit, die dich einfach annimmt, dich beansprucht, als wäre es schon immer so gewesen.

Früher war mein Kopf selbst im Bett noch irgendwo zwischen Rechnungen und Morgen. Bei ihr dachte ich an Haut. An Stellen, die ich zu meinen gemacht hatte, an Landungsplätze, die irgendwann Adressen bekamen. An Gespräche, die langsam ins Flüstern übergingen. An dieses kleine Knistern im Gehirn, wenn jemand plötzlich Raum darin bekommt.

Diese Zulassung, dass jemand sich in deinem Kopf einnisten darf. Wie dieser Pilz, der Ameisen befällt, sich in ihnen ausbreitet und irgendwann ihr Verhalten übernimmt, bis sie im Grunde nur noch tun, was der Pilz will. Eine kleine Zombie-Apokalypse im Ameisenstaat. Grausam. Faszinierend. Und als Bild dafür, was ein Mensch im eigenen Kopf anrichten kann, leider ziemlich passend.

Sehr romantisch, ich weiß.

Angst war da, natürlich. Aber was heißt das schon? Ich bin doch ein Löwenzahn, keine Ameise. Ich kann kämpfen. Und bezahlen, wenn es notwendig ist. Habe ich ja auch. Ich habe gekämpft.

Menschen sind keine Ersatzteile. Leider.

Die Sache mit dem Jetzt

Jetzt ist dieser Raum leer. Und ich habe immerhin etwas gelernt: Ich kann das noch. Mich einlassen. Mich verlieren. Jemanden so nah heranlassen, dass es hinterher wehtut.

Verlust verschwindet nämlich nicht, nur weil man älter wird. Man trägt ihn vielleicht anders. Weniger große Oper, mehr Ebbe und Flut. Die Welle kommt, du gräbst dich wie ein Krebs in den Sand und wartest. Dann kommt die nächste. Irgendwann ist Ebbe.

So trauert man mit fünfzig. Mit Würde und Flüchen. Bis zu einem gewissen Grad. Denn kaum ist dieser Raum leer, kommt schon der nächste Reflex: Da muss doch etwas hin. Ein neuer Mensch, ein neues Date, ein neuer Reiz. Irgendetwas, das diese Stelle besetzt, damit ich sie nicht die ganze Zeit ansehen muss.

Nur funktioniert das nicht. Menschen sind keine Ersatzteile. Leider.

Dieser Geruch war einmalig. Die Art, wie dieser Mensch sich bewegt hat. Der eigene Rhythmus beim Atmen. Haut, die irgendwann nicht mehr nur Haut war, sondern eine Karte mit Wegen. Und ich in diesem Spiel. Die Frau, die ich damals war, zu diesem Zeitpunkt.

Ich kann das nicht nachbauen. Mit niemandem.

Oh doch, doch, flüstert irgendetwas in meinem Gehirn. Vielleicht nicht das Gleiche. So etwas wie "das Gleiche" gibt es sowieso nicht. Physikalisch unmöglich. Wie war das noch mit dem Fluss? Epikur? Hm. Nein. Heraklit. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.

Die Frage ist also vielleicht gar nicht, ob ich das wiederhaben kann. Die Frage ist: Was will ich eigentlich? Will ich diesen Menschen, diese Situation, diese Haut? Oder will ich diese Stille im Kopf?

Die Stille im Kopf.

Genau die.

Keine Rechnungen. Kein Morgen. Kein Gestern.

Und während ich das schreibe, fällt mir auf, dass ich sie kenne. Nicht nur von ihr. Ich kenne sie vom Schreiben.

Verdammt.

Dafür bin ich doch eigentlich hier. Nicht für Nürnberg – offensichtlich habe ich das geografisch sowieso gründlich vermasselt. Ich bin hier wegen meines Buches.

Und manchmal passiert es. Ich setze mich morgens hin, öffne die Datei, und irgendwann ist es vier Stunden später. Der Kaffee ist kalt. Die Welt kann inzwischen untergehen, irgendeine Regierung stürzen oder die nächste Epidemie im Anmarsch sein. Ich merke es nicht.

Aber in meinem Kopf ist Ruhe. Keine Rechnungen. Kein Morgen. Kein Gestern. Keine Frau, die fehlt. Nur diese Geschichte unter meinen Fingern, mit all den rot unterstrichenen grammatikalischen Fehlern.

Ich streite mich gerade mit Jo, die partout nicht machen möchte, was ich will. Bianka widerspricht mir ebenfalls. Langsam entsteht hier eine ernst zu nehmende Protestbewegung. Die Banner in Regenbogenfarben sehe ich schon vor mir.

Ich bin Schriftstellerin. Theoretisch habe ich hier das Sagen.

Theoretisch.

Und jetzt ärgert mich fast, dass ich das erst hier bemerke: Diese Stille kann ich nicht erzwingen. Ich kann mich an den Laptop setzen, die Datei öffnen und schreiben wollen wie eine Besessene. Ich kann den Kaffee hinstellen, das Handy weglegen und meinen Figuren mitteilen, dass wir jetzt gefälligst produktiv sind.

Interessiert sie nicht.

Der Moment kommt oder er kommt nicht.

Genauso wenig kann ich einen Menschen bestellen. Einen Geruch zurückholen. Eine bestimmte Berührung rekonstruieren oder mich selbst wieder zu der Frau machen, die ich in genau diesem Augenblick war.

Vielleicht muss ich also gar nicht versuchen, dieselbe Stille zurückzubekommen.

Hm.

Nein. Das klingt schon wieder viel zu vernünftig.

Ich will sie natürlich zurück.

Ich weiß nur inzwischen, dass ich sie nicht bestellen kann.

Also suche ich weiter.

Im Schreiben. Im Körper. In fremden Straßen. In einer Stadt, in der ich eigentlich gar nicht gelandet bin.

Und manchmal, für ein paar Stunden, ist sie da.

Die Ruhe im Kopf.

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