Küchenphilosophie mit Nebenwirkungen
Zerrissenheit, Freiheit und die Drachen hinter unseren Grenzen
Küche. Und die unerfreuliche Aufgabe, alles auszuräumen, durchzuwischen und wieder reinzustellen. Eine stupide Arbeit, die schon beim bloßen Gedanken daran Hirnkrämpfe verursacht. Ich öffne eine Schublade nach der anderen und sehe all die Dinge, die sich über Jahre angesammelt haben, manchmal aus Versehen, manchmal gewollt. Ich seufze. Das Bedürfnis, alles wieder zurück ins Regal, in die Schublade zu packen und einfach zu verschwinden, ist wirklich stark. Ich kämpfe mit meinem Fluchtinstinkt. Schließlich muss das auch erledigt werden, auch wenn es nicht schön ist ...
Bei solchen Aufgaben komme ich allerdings oft auf die besten Ideen, deswegen reibt sich ein Teil von mir schon die Hände, wie so ein Teppichhändler auf einem türkischen Basar, der eine Naive gefunden hat, die nicht feilscht, den genannten Preis runterschluckt und brav zahlt. Der Teil philosophiert gerne und schmeißt einen Begriff nach dem anderen in die Gegend. Dieses Mal auf der Tapete: Wittgenstein, Fromm, ein Artikel von @keksding, den ich gestern gelesen habe, und ein Wort.
Zerrissenheit.
Ich fühle mich seit einiger Zeit zerrissen ... Ich schmecke dieses Wort auf meiner Zunge und lasse es zu meinem werden. Zerrissenheit. Es auszusprechen, tut irgendwie weh ... ein Schmerz, der so wissend ist, eindeutig und vollkommen.
Eine Begegnung namens Edith hat mit der Präzision eines Skalpells etwas offengelegt, das wahrscheinlich schon seit Längerem in mir schlummerte. Fast sezierend ... durch ihre logische, rationale, leicht kühle Wortwahl. Nur ich, blind und nichts ahnend, lullte mich in der Sicherheit, alles unter Kontrolle zu haben. Nur durch meine bloße Willenskraft.
Ich habe ein Leben, das ich kenne. Bindungen, Geschichte, Sicherheit, Verantwortung. Menschen, die ich liebe. Dinge, die mir wichtig sind. Und da ist gleichzeitig noch etwas anderes in mir. Die Lust, herauszufinden, was noch möglich ist. Dieser Gegend zu entgleiten, die mich langweilt. Die Straßen der großen Stadt servieren mir verlockende Versprechungen, mich noch weiter zu verlieren ... warum denn nicht? Grenzen? Was für Grenzen? Und obwohl meine Willenskraft stark ist ... auch sie vermag dieses Chaos nicht zu stoppen.
Eine einzige Begegnung und das alles ist so hell, als würde ich mitten auf einer Stadionfläche stehen, drum herum Spots, die mich beleuchten und nicht mal ein Fünkchen Schatten dulden, in dem man sich verstecken könnte. Mit den Fragen, den Wünschen, den Emotionen, die völlig fremd sind, sich aber benehmen, als würden sie schon seit einer Ewigkeit Anspruch auf mich haben ...
Und während ich also Küchenschränke ausräume, denke ich plötzlich: Was ist zum Kuckuck mit mir? Was ist dieses Wort eigentlich ... Zerrissenheit?
Das Wort ist seltsam. Etwas ist zerrissen. Vorher ganz, jetzt nicht mehr. Zehren, reißen, kauen, durchspucken, zehren, reißen, kauen, durchspucken ... und das in einer Geschwindigkeit, die man eigentlich nicht stoppen kann.
War ich vorher wirklich ganz? Wann ist das passiert? War es laut, leise, schleichend? War ich blind? Warum habe ich das zugelassen? Warum war ich so naiv? War ich überhaupt naiv? Bin ich die Einzige, die sich so fühlt?
Dann ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen.
"Ach, weißt du was, Anik ... würde ich noch einmal leben können, würde das ganz anders aussehen."
Da haben wir es, dachte ich. Du bist nicht alleine.
"Was würdest du ändern?", fragte ich ihn.
"Alles", antwortete er.
Alles ... so ein dehnbares Wort, das nicht wirklich viel sagt. Ist das eine Antwort auf meine Frage? Alles? Bist du inzwischen so beschäftigt mit Zerrissenheit, dass du plötzlich überall Zerrissene siehst?, fragte ich mich unwillkürlich. Das wäre eine herrliche Möglichkeit, sich selbst zu zerfleischen, zu zerdenken, zu kannibalisieren. Vielleicht hat der arme Mann einfach seinen Beruf satt und du machst aus ihm und dir sofort Existenzialisten.
Aber ich schwieg nur und fragte mich: Was, was ist mit dir los? Auch alles? Ein Teil nickt zustimmend, ein Teil verneint heftig.
Ich stehe dazwischen und seltsamerweise finde ich diese Position gar nicht so schlecht. Aus der Vogelperspektive ist das vielleicht sogar die beste Position, die man einnehmen kann. Muss man sich überhaupt positionieren? Vielleicht ist genau das unser Denkfehler.
Wir tun oft so, als müsste ein Mensch wissen, wer er ist. Was er will. Wen er liebt. Wohin er gehört. Möglichst klar und ohne Widersprüche. Und sobald zwei Dinge gleichzeitig stimmen, wird es unbequem.
Ich liebe mein Leben. Ich will ein anderes. Ich will Nähe. Ich will Freiheit. Ich will bleiben. Ich will gehen.
Und das alles gleichzeitig.
Und hier kommt der junge Wittgenstein in meine Küche. Mit seinen jungen Augen und furchtbar überzeugt von sich und seinen Theorien. Die Welt hat eine logische Struktur, die Sprache ebenso, und irgendwo müssen schließlich die Grenzen gezogen werden. Er schaut sich mein Chaos vermutlich mit leichtem Unbehagen an.
"Zerrissenheit?", würde er fragen. "Was genau soll das heißen? Präziser bitte. Und nicht so eine Sammlung von Bildchen. Wir sind hier nicht im Kindergarten."
"Gib dir ein paar Jährchen", würde ich sagen.
Er hebt wahrscheinlich eine Augenbraue. "Ein paar Jährchen?"
"Ja. Dann kommst du selbst darauf, dass Sprache nicht dieses brave Werkzeug ist, das sich an deine frisch gezogenen Grenzen hält."
"Sprache bildet Tatsachen ab."
"Ach Ludwig. Warte ab."
Ich schiebe eine Tasse ins Regal.
"Sprache ist die mächtigste Waffe im Universum", fange ich an. "Direkt nach Musik. Du kannst damit Menschen vereinen und du kannst sie zerstören. Du kannst mit einem einzigen Wort jemanden aus einer Gemeinschaft werfen, einen Krieg anfangen, Liebe erklären, einen Menschen kleinmachen oder ihm eine Welt öffnen."
Er holt wahrscheinlich schon Luft, um mir zu erklären, dass ich gerade ungefähr zwölf verschiedene Dinge durcheinanderwerfe.
"Und Sprache zerreißt", sage ich noch schnell.
Da ist es schon wieder. Dieses Wort. Es tarnt seine Bedrohung unter einer beinahe romantischen Vorstellung. Zerrissenheit klingt schließlich viel schöner als das, was das Wort eigentlich beschreibt.
Zerstörung.
In meinem Fall die Zerstörung von etwas, das man ein Leben lang gebaut hat ...
Da entstehen zwei Hälften. Etwas ist kaputt. Ist es tatsächlich kaputt? Oder fühlt es sich nur so an, weil ich gerade Grenzgebiete erreiche und hinter diesen Grenzgebieten Drachen und Ungeheuer lauern, wie auf den alten Landkarten?
Was verliere ich dort?
Die Angst grinst mich an. Sie hat große Augen, lange Zähne und ein ziemlich dickes Fell.
Ich denke an Fromm. Die Kunst des Liebens.
Ein Gedanke bleibt hängen: Fromms menschliches Bedürfnis nach Vereinigung. Wir ertragen unser Getrenntsein schlecht. Also suchen wir Wege, es zu überwinden. Und einer davon ist Konformität.
Wir vereinigen uns mit der Gruppe. Mit ihren Sitten, ihren Praktiken, ihren Überzeugungen. Wir werden ähnlich. Denken ähnlich. Leben ähnlich. Und irgendwann fällt kaum noch auf, wie viel davon tatsächlich von uns kommt und wie viel wir übernommen haben. Diese simple Tatsache bringt mich zum Schwitzen. Ja, auch wenn ich es vielleicht nicht möchte: Ich bin ein Teil davon.
Was bedeutet das? Einsamkeit? Zerwürfnis? Abgetrenntsein?
Mayday, Mayday ... Die Augen schließen ... Manöver verfehlt.
Die Vereinigung mit der Gruppe hat plötzlich Risse bekommen.
Fromm klopft höflich an die Küchentür und nennt die Vereinigung durch Konformität eine Pseudo-Einheit. Eine Einheit, die funktioniert, solange man nicht allzu genau hinsieht.
Ich schenke ihm Wein ein. Er nippt und verzieht das Gesicht. Schmeckt nicht, dem feinen Herrn.
Hm.
Ich schnuppere an der Flasche. Tatsächlich. Verdächtiger, säuerlicher Geruch. Wir sind uns einig: Der Wein braucht ein Abflussbegräbnis. Bedauerlicherweise fast die Hälfte der Flasche.
Wittgenstein atmet schwer. So viele unlogische Verluste ... nicht mit ihm.
Eine Schweigeminute für den Wein.
Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja. Bei der Konformität und meinem Blick, der, verdammt noch mal, auch wenn ich es nicht will, ziemlich viel sieht.
Fromm, der inzwischen nach einer anderen Flasche Wein verlangt hat, sieht die Antwort nicht darin, sich von allen anderen unabhängig zu machen und fortan als glorreich autonomes Einzelwesen durch die Gegend zu marschieren. Der Mensch braucht Verbindung. Er braucht andere Menschen. Abgetrenntsein erzeugt Angst. Für Fromm liegt darin sogar eine der tiefsten Quellen menschlichen Grauens.
Ich stimme ihm zu und summe ein Liedchen.
Ja, ich brauche meine Lieblingsmenschen.
"Auch wenn das bedeuten würde, zu schweigen und brav weiterzumachen?", frage ich.
Rousseau würde jetzt wahrscheinlich im strahlenden Korsett auftauchen und mich direkt beschimpfen, und zwar in sehr pathetischer Sprache. Dass ich bitte schön keine Menschen, keine Kultur und sonst was brauche. Dass einzig und allein in der Einsamkeit das wahre Glück des Menschen liegt. Dann würde er sich in sein Schlösschen verkriechen und Memoiren schreiben, ohne meine Antwort abzuwarten.
Vielleicht hat er sogar ein bisschen recht.
Fromm wahrscheinlich auch.
Und genau da steckt dieses verdammte Paradox: Wir wollen uns vereinigen, ohne uns selbst dabei zu verlieren. Wir wollen dazugehören und gleichzeitig wir selbst bleiben. Wir wollen verbunden sein und frei. Wir wollen Sicherheit und Bewegung.
Ich könnte stundenlang erzählen, was wir alles wollen. Nur was bringt das, wenn dein Wollen mit genau dem kollidiert, was dir Sicherheit, Verbundenheit und Liebe gibt?
Bringt man den Mut auf, aus der Konformität auszubrechen?
Und was kostet dieser Mut?
Ich bin gleichzeitig.
Nur macht Gleichzeitigkeit die Konsequenzen nicht kleiner.
Ich nehme die nächste Tasse.
Gedankliche Gäste
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus
Erich Fromm, Die Kunst des Liebens
Jean-Jacques Rousseau, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen und Träumereien eines einsamen Spaziergängers

