Hedonismus. Wahrscheinlich schuld an allem.

31.07.2026

Über Genuss, Schuld und das gute Leben.


Hedonismus ist schuld.

An der Jugend. An Handys. An Avocado-Toast. An Menschen, die ausschlafen. An Cappuccino mit Hafermilch. An Festivals. An Sonnenuntergängen. Vermutlich auch am Untergang des Römischen Reiches. Ganz sicher weiß das niemand. Aber ausschließen kann man es schließlich auch nicht.

Irgendwo genießt bestimmt gerade jemand sein Leben. Das ist nicht nur hochverdächtig, das kann unmöglich gut ausgehen! Wo kommen wir denn hin, wenn alle sich so etwas erlauben? Wer baut unsere Straßen, zahlt Steuern und bekommt Kinder, wenn alle nur gut leben wollen? OMG. Und die Jugend heutzutage! Die sagt laut, dass sie keine Zwölf-Stunden-Arbeitstage mehr möchte. Frechheit vom Feinsten! Und an all dem ist natürlich der Hedonismus schuld.

Das Wort Hedonismus hat inzwischen ungefähr den gleichen Ruf wie eine Frau, die auf einer Babyparty mit frischgebackenen Müttern offen sagt, dass Kinder eine Plage sind. Kaum fällt es, werden alle nervös. Man sieht förmlich Menschen vor sich, die den ganzen Tag Champagner trinken, Orgien feiern, in Seidenbademänteln herumliegen und systematisch das Arbeitsbild ruinieren.

Dabei stellt sich eine ziemlich unangenehme Frage:

Was ist Hedonismus eigentlich?

Die meisten würden wahrscheinlich antworten: Egoismus. Maßlosigkeit. Verantwortungslosigkeit. Hauptsache Spaß. Hauptsache ich.

Das ist nur dumm gelaufen. Denn genau das bedeutet Hedonismus ursprünglich gar nicht.

Philosophen wie Epikur, die diesen schönen Gedanken prägten, waren erstaunlich langweilig und wenig orgiastisch unterwegs, wenn man den Gerüchten glauben darf. Sie predigten weder Partys noch hemmungslosen Konsum. Im Gegenteil. Für Epikur war das größte Vergnügen oft etwas völlig Unspektakuläres: ein ruhiger Abend, Freundschaften, ein Stück Brot, etwas Käse und die Abwesenheit von Leid. Gelassenheit.

Nicht der größte Rausch.

Kein immer mehr, immer schneller, immer teurer.

Einfach genug.

Und vielleicht ist genau dieses "Genug" das eigentliche Problem.

Epikur hätte wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen, wenn er sehen würde, was wir heute Genuss nennen. Shopping, bis der DHL-Bote uns duzt und unseren Flur besser kennt als wir.

Epikur redete von einem Stück Brot und ein bisschen Käse. Wir nennen inzwischen einen Wochenendtrip nach Bali Selbstfürsorge.

Irgendwo unterwegs haben wir den Faden verloren.

Genuss kann still sein. Langsam. Kostenlos. Ein Nachmittag, an dem nichts passiert und niemand fragt, ob man dabei wenigstens produktiv war. Konsum dagegen muss weitergehen. Er braucht Mangel. Er braucht diese lässig zur Schau gestellte Bedürftigkeit, die sich mit fremden Federn schmückt und so tut, als wäre es wahnsinnig hip, ständig busy zu sein.

Selbst die Entspannung braucht inzwischen ein Ziel.

Warum, um Gottes willen, sind Ruhe und Zufriedenheit mit sich selbst nicht erwünscht? Die Krankenkassen würden uns wahrscheinlich danken, wenn wir netter mit uns umgehen würden. Die Pharmakonzerne vielleicht weniger. Wer kauft schon Prozac und Opioide, wenn plötzlich alle glücklich sind?

Und wie soll man zufriedene Menschen kontrollieren? Wie willst du so einen Menschen steuern? So ein Mensch braucht nicht ständig mehr und muss dementsprechend auch nicht ständig mehr verdienen. Und wer nicht ständig mehr verdienen muss, lässt sich vielleicht auch nicht jede Arbeit, jede Behandlung und jede Zumutung gefallen.

Solche Menschen sind schlecht verwertbar.

Deswegen behandeln wir Hedonismus heute oft, als wäre er die Vorstufe zum Weltuntergang. Wer arbeitet, verzichtet und sich aufopfert, gilt schnell als verantwortungsbewusst. Wer sein Leben genießt, muss sich dagegen fast schon rechtfertigen.

Warum eigentlich?

Warum fällt es vielen Menschen leichter zu glauben, dass Leiden einen besseren Charakter macht als Freude? Warum fühlt sich ein Zwölf-Stunden-Arbeitstag moralisch wertvoller an als ein Nachmittag am See? Und warum haben so viele von uns ein schlechtes Gewissen, sobald es ihnen einfach gut geht?

Besonders Frauen erkaufen sich eine Stunde Zeit für sich, indem sie sich vorher eine Stunde lang davon überzeugen, dass sie wirklich, aber wirklich alles Erdenkliche erledigt haben. Und wenn eine Socke nicht an ihrem Platz liegt, ist der Spaß futsch.

Ich kenne eine Frau, die ihr sehr schwer verdientes Geld in Reinigungszeug steckte. Und ich weiß, dass sie Putzen eigentlich nicht mag! Sie verstand mich nicht, als ich ihr sagte, dass pinke Gummihandschuhe weiterhin zum Putzen gedacht sind und nicht zum Ausgehen und Verwöhnen. Oder ist chemisches Zeug durch den Backofen zu jagen inzwischen das neueste Abendessen bei Kerzenlicht?

Sie hat mich nicht verstanden. Sie meinte, das müsse so sein, und gute Chemie erspare enorm viel Zeit und Energie.

Für was? Für noch mehr Putzen?

So sind Frauen. So bin ich. Entweder ist vorher alles tippitoppi oder wir fallen irgendwann um. Eine Stufe dazwischen gibt es nicht. Nicht umsonst leiden wir Frauen statistisch häufiger an Depressionen und Burnout.

Dabei glaube ich nicht, dass Männer es besser machen. Sie verstecken es nur gekonnter. Hinter Arbeit, Alkohol, Schweigen oder einem sehr überzeugenden "Alles gut". Dafür ist ihre Suizidrate höher.

Herzlichen Glückwunsch aber auch.

Ich habe unfassbar lange darüber gegrübelt, wo der Ursprung liegen könnte. Ist das unser kollektives religiöse Erbe, das uns bis heute plagt? Diese Vorstellung, dass das eigentliche Himmelreich nur möglich ist, wenn man hier und jetzt leidet, verzichtet und schuftet?

Ich weiß es nicht.

Und ich meine damit nicht jeden Glauben und nicht jeden gläubigen Menschen. Glaube kann trösten, tragen und Hoffnung geben. Aber Religionen haben uns eben auch sehr lange erzählt, dass der Körper verdächtig ist. Dass Lust gefährlich ist. Dass Verzicht veredelt. Dass Gehorsam gut und Begehren schlecht ist. Besonders uns Frauen wurde das gründlich erklärt. Unsere Körper waren zu viel, unsere Lust sowieso und unsere Wünsche meistens unangebracht.

Das Himmelreich später.

Das Leiden jetzt. Und möglichst viele, viele Kinder, egal, ob du sie willst oder nicht. Dann bist du beschäftigt.

Hm. Ich spüre, wie verbissen ich manchmal noch bin.

Und auch wenn viele von uns längst nicht mehr an diese Geschichten glauben, ist die Schuld geblieben. Sie hat nur die Kleidung gewechselt.

Heute heißt die Sünde nicht mehr unbedingt Wollust.

Heute heißt sie Faulheit.

Jammerschade. Mit Spaßsex kann man ziemlich viele Kalorien im Ach und Och verballern. Aber was würden dann die Fitnesscenter machen, wenn wir uns stattdessen in fremden Betten herumwälzen und noch dazu die Monogamie, die kleine Schwester des Leidens, infrage stellen?

Gott bewahre, mit sich selbst so ehrlich zu sein und auch noch die Frage zu stellen, ob es wirklich wichtig ist, mit wem und mit wie vielen Menschen man ins Bett steigt.

Stattdessen zeigen wir stolz unsere vollen Terminkalender und erzählen Freunden, wie busy wir sind und dass wir gleich umfallen. Wir sagen das nicht einmal nur klagend. Ein bisschen stolz sind wir schon auf uns.

Ach ja, und Sex zweimal pro Woche gehört auch dazu. Sonst schlechte Ehe, schlechte Beziehung, alles blöd.

Und dann warten wir sehnsüchtig auf den nächsten Urlaub, in dem wir all-inclusive das hart gesparte Geld verballern und uns für zwei Wochen erlauben, am Pool zu liegen. Vorausgesetzt, wir dokumentieren es ordentlich.

Ein Jahr schuften.

Zwei Wochen leben.

Danach wieder von vorne.

Ich weiß nicht, ob Religion daran schuld ist. Wahrscheinlich wäre das zu einfach. Kapitalismus, Patriarchat und unsere seltsame Verehrung von Leistung haben das Prinzip jedenfalls dankbar übernommen. Ein System, das immer weiter wachsen muss, kann zufriedene Menschen schließlich schlecht gebrauchen.

Ich weiß nur, dass ich genauso gehandelt habe und es manchmal noch tue. Ich war stolz darauf, wie unglaublich viel ich an einem Tag schaffen konnte. Wie viel ich angeblich leistete. Bis ich umfiel, zusammenbrach und in einer Klinik landete.

Und dort sah ich, dass die bis zum Erbrechen überfüllte Klinik voller Menschen war, die genauso stolz gewesen waren wie ich. Darauf, wie viel sie packen.

Bis sie es nicht mehr konnten.

Mir dämmerte immer mehr, dass Hedonismus gar nicht das Gegenteil von Verantwortung ist.

Eher das Gegenteil von Selbstbestrafung.

Und das ist in unserer Kultur ein höchst verdächtiger Zustand: sich nicht bestrafen zu wollen. Keine Schuldgefühle zuzulassen. Sich nicht für jeden schönen Moment zu rechtfertigen.

Stell dir das einmal vor.

Ein Mensch, der nicht leidet und trotzdem ein guter Mensch ist.

Wir sollten misstrauischer gegenüber einer Welt sein, die Menschen bejubelt, wenn sie sich kaputtarbeiten, aber skeptisch wird, sobald jemand einfach sagt:

"Heute war ein schöner Tag."

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