Die Kirche der heiligen Ziege

18.08.2026
Handgeformte Tonziege auf einem Gartentisch.
Handgeformte Tonfigur einer Ziege auf einem Tisch im Garten, passend zum feministischen Essay „Die Kirche der Heiligen Ziege“.

Warum eine Beleidigung manchmal nur darauf wartet, zur Religion erklärt zu werden

Anik KinaAug. 14, 2026

In meinem Leben wurde ich schon ziemlich oft beschimpft. Wie wahrscheinlich jeder Mensch. Wobei wir Frauen da über ein erstaunlich großes zoologisches Sortiment verfügen. Blöde Kuh. Dumme Gans. Ziege. Huhn nicht vergessen.

Ich war meistens die Ziege. Manchmal auch die sture Ziege, was immerhin schon etwas mehr Charakter hat, würde ich behaupten.

Letztens nannte mich wieder jemand so. Und für einen kurzen Moment lief das übliche Programm in meinem Gehirn wieder an: empören, innerlich aufrichten, Gegenrede vorbereiten und drei Stunden später unter der Dusche die perfekte Antwort finden. Die keinen Menschen mehr interessiert außer mir. Dabei war die Antwort so pointiert und schon fertig in meiner Vorstellung.

Dann dachte ich: Mal ehrlich, was ist eigentlich so schlimm an einer Ziege?

Die massiv unterschätzte Ziege

Ich halte Ziegen für massiv unterschätzt. Die sind intelligent und unglaublich nützlich. Sie gehören zu den ältesten Nutztieren des Menschen. Vor ungefähr 10.000 Jahren wurden im Zagros-Gebirge im heutigen Iran bereits Ziegen gehalten. Seitdem begleiten sie uns durch einen beträchtlichen Teil unserer Zivilisationsgeschichte. Und das nicht gerade unter den schönsten Bedingungen, wie man sich das vorstellen kann.

Ziegen kommen mit kargen Landschaften zurecht, nutzen Sträucher und Gehölze als Nahrung, und einige Rassen sind erstaunlich gut an Trockenheit und Futterknappheit angepasst. Deutscher Garten im Hochsommer: für die Ziege ein Eldorado.

Und ja, sie knabbern auch Dinge an, die vernünftige Menschen nicht unbedingt unter Lebensmittel verbuchen würden. Papier. Stoff. Karton. Aber zu guter Letzt: keine Kannibalen. Wie Hühner zum Beispiel. Die hätten unter bestimmten Umständen durchaus kein Problem damit, ihresgleichen anzuknabbern. Ein ziemlicher Vorteil für die Ziege, würde ich sagen.

Die Behauptung, Ziegen würden einfach alles fressen, stimmt daher nicht ganz.

Ziegen sind neugierig, eigenwillig und anpassungsfähig. Sie klettern an Stellen herum, an denen jedes vernünftige Lebewesen Schwindelgefühle bekommen würde. Und sie besitzen offensichtlich keinerlei Interesse daran, ob jemand ihre Lebensentscheidungen angemessen findet.

Sie machen einfach.

Jeder Besitzer von Ziegen weiß ganz genau, wovon ich hier spreche.

Zaun? Was für ein Zaun. Wen interessiert ein Zaun

Ziege fragt nicht. Ziege macht.

Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger verstand ich die Beleidigung.

Sture Ziege?

Vielen Dank.

Beleidigungen funktionieren nur, solange wir uns darauf einigen, dass das, womit wir beschimpft werden, minderwertig ist. Aber ehrlich: Eine intelligente Ziege zu sein, steht in meinem Ranking ungefähr gleichauf mit "Du Löwin…Du…".

Und das klingt nicht schlecht.

Dann gründe ich eben eine Religion

Also habe ich beschlossen, die Ziege zurückzunehmen. Nicht nur für mich. Für uns Frauen.

Und weil ich bekanntlich Schwierigkeiten habe, Dinge in vernünftigen Dimensionen zu betreiben, blieb es natürlich nicht bei der gedanklichen Rehabilitation eines Nutztieres. Das wäre, meine Damen und Herren, zu einfach gewesen.

Ich habe beschlossen, eine Religion zu gründen.

Das Zigentum.

Mit eigener Kirche, selbstverständlich.

Die Kirche der heiligen Ziege.

Ich finde, es wurde Zeit.

Frauen brauchen eine eigene Religion. Ich behaupte nicht, dass sie bisher keine gehabt hätten, das wäre historisch Unsinn. Isis. Inanna. Demeter und ein paar andere hübsche Damen waren an Bord. Dazu Priesterinnen, weibliche religiöse Ämter und Göttinnen, die keineswegs nur brave Nebenrollen spielten.

Interessant ist eher, was später geschah.

Die großen monotheistischen Religionstraditionen haben über Jahrhunderte Institutionen hervorgebracht, in denen Männer religiöse Autorität besaßen, die Frauen verwehrt blieb. Und in einigen der mächtigsten dieser Institutionen ist das bis heute der Fall.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt immer Ausnahmen: christliche Kirchen, in denen Frauen geistliche Ämter bekleiden können, jüdische Gemeinden mit Rabbinerinnen. Die Baháʼí-Religion erklärt die Gleichwertigkeit von Frauen und Männern sogar ausdrücklich zu einem ihrer Grundprinzipien.

Obwohl selbst dort die Sache nicht immer ganz so gleich ist, wie sie zunächst klingt. Das höchste internationale Leitungsgremium der Baháʼí, das Universale Haus der Gerechtigkeit, ist ausschließlich Männern vorbehalten.

Und wir sprechen hier nicht über Ausnahmen, sondern über Regeln. Und die Regeln waren und sind eben nicht besonders prickelnd für uns Frauen oder allgemein für queere Menschen.

Interessant.

Gleichwertig, nur nicht ganz oben.

Das Konzept kommt mir irgendwie bekannt vor.

Und dann gibt es natürlich noch die katholische Kirche.

Habt ihr schon mal eine Päpstin gesehen?

Genau.

Mit uns Frauen redet der feine Herr Gott nicht persönlich. Dafür braucht es offenbar ein männliches Sprachrohr.

Und erstaunlicherweise hatte Gott ziemlich viele Meinungen über Frauen: was sie tragen sollen, wen sie lieben dürfen, mit wem sie schlafen müssen oder auch nicht, wann Sex erlaubt ist, ob Lust verdächtig ist, wann sie Kinder bekommen sollen, ob sie Kinder bekommen sollen und wem ihr Körper im Zweifelsfall eigentlich gehört.

Bestimmt nicht ihnen selbst.

Praktisch, wenn die göttliche Ordnung zufällig sehr ähnlich aussieht wie die gesellschaftliche Ordnung der Männer, die sie auslegen. Erspart komplizierte Sitzungen.

Frauen sind gut aufgehoben. In der Küche zum Beispiel.

Oder noch besser: im Bett.

Man könnte versuchen, jahrtausendealte Institutionen zu reformieren. Das tun viele Menschen. Ich wünsche ihnen viel Kraft und alles Gute für die Zukunft.

Ich bin über fünfzig. Meine Geduld ist inzwischen eine endliche Ressource.

Deshalb gründe ich lieber eine eigene Religion.

Der Sündenbock kann nichts dafür

Und dafür eignet sich ausgerechnet die Ziege erstaunlich gut. Denn die Religionsgeschichte hat ihr bereits eine bemerkenswerte Aufgabe zugedacht: den Sündenbock.

Im Buch Levitikus tauchen gleich zwei Ziegenböcke auf. Einer wird geopfert. Dem anderen legt der Hohepriester symbolisch die Verfehlungen der Gemeinschaft auf den Kopf und schickt ihn damit in die Wildnis.

Der Bock hat nichts davon getan.

Er trägt nur den Mist der anderen weg.

Jahrtausende später benutzen wir das Wort noch immer. Der Sündenbock ist derjenige, auf den wir das laden, was wir selbst nicht tragen möchten.

Eigentlich beeindruckend.

Die Ziege trägt seit Jahrtausenden den Mist der anderen weg und wird anschließend auch noch beschimpft.

Toll.

Spätestens hier war meine Entscheidung gefallen. Wenn irgendein Tier eine eigene Religion verdient hat, dann dieses.

Unsere Theologie ist übersichtlich

Das Zigentum braucht allerdings keine allmächtige Vaterfigur im Himmel. Das lassen wir lieber. Ein bärtiger Opa reicht völlig.

Auch keine Männer, die uns anschließend erklären, wie unsere neue Religion eigentlich gemeint war.

Eine Ziege reicht.

Sie steht irgendwo auf einem Felsen und kaut irgendetwas.

Und macht bestimmt auch ein paar Wunder. Und wenn nicht, dann wird man nachhelfen müssen. Aber das ist ein ganz anderes Projekt.

Wie gesagt, alles ist endlich.

Auch dieser Essay.

Ich halte das für spirituellen Fortschritt.

Natürlich braucht eine ordentliche Religion Gebote. Zehn erschienen mir allerdings etwas übertrieben. Diese ganze Finger-Zählerei finde ich ein wenig urtümlich. Hätten wir fünfzehn Finger, hätten wir vermutlich fünfzehn Gebote.

Kompliziert ist das nicht.

Außerdem wollen wir nicht gleich wieder denselben Fehler machen, dass man sich das alles merken muss.

Acht reichen.

Die acht Gebote des Zigentums

  1. Dein Körper gehört dir. Punkt.

  2. Ein Nein braucht keine Begründung. Ein Ja übrigens auch nicht.

  3. Du darfst deine Meinung ändern. Das Universum wird es verkraften.

  4. Sei stur, wenn dich das schützt.

  5. Begehre, wen du begehrst. Solange alle Beteiligten freiwillig dabei sind, hat die heilige Ziege nichts dagegen.

  6. Glaube nichts nur deshalb, weil es schon sehr lange jemand behauptet. Mutter Natur hat dir ein Gehirn gegeben. Nutze es.

  7. Wenn du fällst, steh auf. Wenn du nicht aufstehen kannst, bleib liegen, bis du wieder kannst. Auch heilige Ziegen brauchen gelegentlich eine Pause.

  8. Nimm dich wichtig. Aber bitte nicht so wichtig, dass du der nächste Trump oder Putin bist. Die Erde verkraftet keine Diktatoren mehr.

Das wäre fürs Erste die gesamte Theologie.

Kein Fegefeuer. Keine Erbsünde. Keine ewige Verdammnis.

Missionieren ist ebenfalls verboten. Wer nicht ins Zigentum möchte, wird in Ruhe gelassen.

Revolutionäres Konzept, ich weiß.

Und so einfach.

Mitgliedsbeiträge sind vorerst ebenfalls nicht vorgesehen. Vielleicht ein Ziegenschnaps bei besonderen liturgischen Anlässen.

Also bei allen Anlässen.

Bin großzügig.

Wenn ihr passende Namen für den Schnaps habt: gerne in die Kommentare.

Und sollte mich irgendwann wieder jemand eine blöde Ziege nennen, werde ich nur kurz korrigieren:

Heilige Ziege, bitte.

Oder ...

Ziege sei mit dir, mein Sohn.

Und als Beweis, dass ich das ernst nehme: ein Prototyp für die erste heilige Ziegenfigur.

Bald vergoldet, versprochen.

Ich muss nur noch ein paar Dinge einschmelzen lassen.

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