Charakter beginnt nicht zwischen den Beinen
Über den androgynen Geist, starre Geschlechterrollen und meine beiden Lieblingsschlampen Moral und Religion
"… der wahre schöpferische Geist ist androgyn."
Virginia Woolf
Als ich diesen Satz von Virginia Woolf zum ersten Mal gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass sie etwas beschreibt, das weit über Kunst hinausgeht. Ich habe mich in diesen Satz verliebt. Mein Gehirn brodelte monatelang unausgegoren um ihn herum. Ich spürte die Kraft, die in ihm steckte. Meine Gedanken kreisten und kreisten.
Gilt dieser Gedanke wirklich nur für schöpferische Menschen? Oder gilt er für ganze Gesellschaften?
Ich war schon immer jemand, der sich in Märchenwelten und Utopien versteckt hat. Science-Fiction war meine große Leidenschaft. Lieber identifizierte ich mich mit den Werten der Star-Trek-Enterprise als mit dem, was mich umgab und mir die Luft zum Atmen nahm: der Realität.
Ursula K. Le Guin. Stanisław Lem. Das war mein Zuhause. Mit einer Prise Tolkien und natürlich Sapkowski, meinem persönlichen Helden.
Ich liebte diese Gedankenspiele. Alles, was einmal in einem Buch als Fortschritt erschien, könnte theoretisch auch seinen Platz in der Realität finden. Ein Teil von mir glaubt bis heute fest daran, dass alles, was unser Geist denken kann, nur einen Steinwurf von der Wirklichkeit entfernt ist. Dieser realitätsferne Gedankenfluss blieb mir bis heute nicht erspart. Zum Leid mancher Menschen, die mit mir das Leben teilen wollen oder müssen.
Ich liebe Geschichten, die zeigen, wie die Welt sein könnte und nicht nur, wie sie ist. Und in diesen Welten blieb ich oft länger, als es gut für mich war.
In einer Welt, in der es keine Rolle mehr spielt, welches Geschlecht oder welchen Körper jemand hat, solange niemandem dadurch Freiheit oder Würde genommen wird. Einer Welt, in der Geschlecht keine Begrenzung mehr darstellt. Du bist … einfach. Mit Betonung auf einfach. Warum denn nicht?
"Bist du Mann oder Frau? Wen interessiert das wirklich? Viel entscheidender ist doch die Frage, die wir uns viel zu selten stellen: Welche Verantwortung übernimmst du? Wie gehst du mit Macht um? Und wer bist du, wenn niemand hinschaut? Bist du moralisch? Oder bist du ethisch? Oh ja. Das ist ein verdammt großer Unterschied."
Charakter beginnt nicht zwischen den Beinen.
In unserer Welt allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass man Menschen genau darauf reduziert.
In meinen Vorstellungen nenne ich diese Welt die androgyne Gesellschaft. Und dort lebe ich schon seit Jahren.
Eine androgyne Gesellschaft bedeutet für mich nicht, dass Unterschiede verschwinden. Dass wir uns hinter einer homogenen Masse gleicher Bewegungen und gleicher Wünsche verstecken. Im Gegenteil.
Menschen bleiben unterschiedlich. In ihren Körpern. In ihren Erfahrungen. In ihren Persönlichkeiten. In ihren Lebensentwürfen. Vielfalt ist erwünscht. Alles darf sein. Nichts muss.
Es bedeutet, dass wir endlich aufhören, Eigenschaften wie bittere Pillen nach Geschlechtern zu verteilen, die jeder schlucken muss, sobald er den Schoß seiner Mutter verlässt.
Virginia Woolf schrieb vom androgynen Geist. Ich glaube nicht, dass sie einen Menschen ohne Geschlecht meinte. Ich stelle mir vor, dass sie die goldene Mitte meinte: etwas, nach dem wir so sehr streben und das wir doch fast nie erreichen. Den wogenden Tanz zweier Kräfte, die in jedem von uns wohnen und nicht ständig gegeneinander kämpfen müssen. Einen Menschen, der nicht wegen fragwürdiger moralischer Vorstellungen von dem abgeschnitten wird, was ihn eigentlich ausmacht.
Denn machen wir uns nichts vor: Wer zwingt uns diese starren Rollen überhaupt erst auf? Es ist die Moral. Sie ist es, die mit erhobenem Zeigefinger diktiert: "Ein Mann hat so zu sein, eine Frau hat sich so zu verhalten." Die Moral bewertet unseren Körper, bevor sie unseren Charakter überhaupt kennt. Eine androgyne Gesellschaft braucht dieses Korsett nicht. Sie funktioniert nicht durch Moral, sondern durch Ethik.
Und jetzt schreibe ich etwas, das bei manchen vermutlich Schnappatmung auslöst.
Nehmen wir an, eine süße Fee, so eine Tinkerbell persönlich, würde vor mir stehen und sagen: "Du hast einen Wunsch frei. Eine Sache darfst du aus der Menschheit verschwinden lassen."
Ich würde sagen: Moral.
Und wenn sie sagen würde: "Kluge Entscheidung. Du darfst noch etwas wählen. Bin heute spendabel."
Dann Religion dazu.
Die Welt wäre viel sympathischer.
Meine zwei Lieblingsschlampen im ganzen Universum. Besonders Moral. Und wenn sie sich mit Religion paart, dann bebt die ganze Welt. Und nicht immer vor Aufregung. Meistens vor Angst.
Moral. Dieses kleine nymphomanische Phänomen, das mit jedem ins Bett steigt. Nicht nur mit Religion. Ihr ist alles recht. Hauptsache glaubwürdig. Im Namen von irgendetwas. Am liebsten im Namen Gottes … natürlich. Der ist nämlich zu weit weg, um sich zu wehren. Also erhebt man einfach Anspruch auf seinen Namen.
Der arme Gott, sage ich nur.
Denn Moral besitzt eine erstaunliche Eigenschaft: Sie hält sich fast immer für Ethik. Genau darin liegt ihre größte Verführung.
Jede Epoche hatte sie: die Moral. Jede Religion. Jede Diktatur. Jede Demokratie. Jeder erklärt sie zur einzig richtigen. Am besten als Alleinstellungsmerkmal für Generationen. Und alles ist immer gut begründet, nachvollziehbar und unerschütterlich.
In meiner fantastischen androgynen Welt existiert Moral nicht. Ethik dagegen schon.
Moral sagt uns, was wir denken sollen. Ethik fragt uns, warum wir etwas für richtig halten. Moral braucht Gewissheiten. Ethik hält Zweifel aus. Genau darin liegt ihre größte Stärke.
Eine Ethik, die Fragen stellt. Die Antworten sucht, wenn sie kann. Und wenn sie keine findet, sagt sie:
"Ich weiß es nicht. Noch nicht."
Ja. Das wünsche ich mir. Von ganzem Herzen.
Die Magie des ausgesprochenen Wortes lässt mich nicht los. Ich stelle mir vor, dass sich durch ein paar Zeilen bei anderen ein neuer Gedanke manifestiert. Dass jemand sie liest und entscheidet: Ja, das denke ich auch. Eine Kettenreaktion von Ideen.
Die Idee, dass unser Geschlecht weit weniger darüber entscheidet, wer wir sind, als unser Bewusstsein. Und das Bewusstsein … ja, das ist etwas, das eine Gesellschaft trägt. Ein kollektiver Archetypenschatz, den wir weit über unseren Tod hinaus weitergeben.
Lohnt es sich da nicht, für Archetypen zu sorgen, in denen wir alle ebenbürtig sind?
Jede Zukunft war irgendwann nur ein Gedanke.

