Mit der Welt flirten: Über Resonanz und Verbundenheit
Wie ein brummiger Beamter, eine fremde Frau an der Bushaltestelle und die Hermetik meine Sicht auf Resonanz, Einsamkeit und Verbundenheit verändert haben.

Eine Flirtwette
Ich habe meinen Führerschein verloren. Falls ihn jemand findet: Er kann ihn behalten. Ich habe schon einen neuen. Was macht man, wenn der Lappen beschließt, dich nach so vielen Jahren zu verlassen, seinen Dienst kündigt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet?
Man geht zum Straßenverkehrsamt.
Genau das habe ich gemacht.
Früh aufgestanden, munter und froh, gehe ich zu einem Büro in einem ziemlich düsteren Gebäude. Es ist laut. Die Schreibtische sind dicht an dicht zusammengequetscht. Bürokratisches Uhrwerk. Man zieht eine Nummer, sucht sich ein Plätzchen und wartet. Da helfen nicht mal staubige Plastikblümchen in jeder Ecke.
Hinter so einem Schreibtisch sitzt ein junger Mann, sichtlich unglücklich darüber, dass er hier sitzen musste. Das konnte ich ihm nicht einmal verdenken. Seine Tattoos und das Gesamtpaket verrieten mir, dass er eher der Draußen-Typ war, gefangen in einer Beamtenhaut.
Er brummte mich an, dass ich fast zu spät sei. Und überhaupt ... Frechheit. Schließlich sind 0,50 Sekunden eben 0,50 Sekunden.
Ich wollte schon loslegen und ihm deutlich machen, dass mein Verständnis für Montaglaune, wenn wir schon Donnerstag haben, nicht besonders groß ist. Pobacken zusammenkneifen und durchhalten ist angesagt. Schließlich hat jeder sein Kreuz zu tragen. Nicht nur Jesus. Und er.
Aber dann dachte ich: Eine Flirtwette wäre interessanter.
Mein innerer Dialog:
Das schaffst du nie. Der Typ lacht nicht. Der macht nicht mal eine Grimasse.
Doch. Doch. Das wird.
Neeee. Nie und nimmer.
Wenn du es schaffst: Bierchen heute Abend. Wenn nicht: Wasser mit Zitrone, summte es in mir.
Wasser mit Zitrone ... lecker.
Ohne Zitrone ... na ja.
Abgemacht.
Ich sah ihn an, grinste ein wenig, aber sehr mitfühlend und sagte:
"Gott sei Dank ist schon Donnerstag. Wie halten Sie hier durch? Übrigens, wirklich schöne Tattoos haben Sie da. Surfen Sie?"
Zack.
Hatte ich die Wette verloren?
Haha ...
Das Experiment
Warum mache ich so etwas überhaupt?
Vor ein paar Jahren wäre ich niemals auf diese Idee gekommen. Ehrlich. Wir hätten uns bis in alle Ewigkeit angebrummt. In kalter Freundlichkeit, mit zusammengepressten Zähnen. Er hätte mich eine Ziege genannt und ich ihn wahrscheinlich irgendetwas auf Polnisch.
Früher war ich überzeugt, dass die Welt und ich zwei getrennte Inseln sind. Ich fühlte mich unverstanden. Nicht manchmal. Eigentlich ständig.
Je öfter ich dachte: Niemand versteht mich, desto häufiger schien die Welt genau das zu bestätigen. Wie ein schlecht gelaunter Bumerang prallte alles zu mir zurück.
Ich war ein wenig verwirrt. Und auch wenn ich zwischendurch gute Tage hatte, verschwanden sie einfach im Meer der Negativität. Ich sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.
Bis ich erfuhr, dass manche meiner Freunde mich mieden, weil ich so verbittert sei.
Ich bin doch nicht verbittert!, wehrte ich mich mit Händen und Füßen. Höchstens ein wenig pessimistisch. Dabei hielt ich das eigentlich für realistischen Optimismus. Und überhaupt: Ich bin doch witzig!
"Du bist zynisch. Nicht witzig. Sarkasmus ist keine Weisheit. Sarkasmus ist oft nur Wut."
Oha.
Zynisch? Wütend? Ich?
Ich habe Familie. Freunde. Ein Haus gebaut. Ein Kind großgezogen. Den sprichwörtlichen Baum auch gepflanzt. Was soll daran verbittert oder zynisch sein?
Aber diese Worte gingen nicht mehr weg. Sie hatten sich irgendwo zwischen Herz und Ego eingenistet.
Irgendwann fragte ich mich:
Was wäre, wenn sie recht hätten? Was wäre, wenn nicht die Welt auf Distanz gegangen wäre ... nur ich?
Also begann ich zu experimentieren.
Mit einem Lächeln. Mit einem Kompliment. Mit Aufmerksamkeit.
Der Anfang war kläglich. Ich war nicht besonders überzeugt von meinem Experiment. Und auch die Leute um mich herum schienen meine Bemühungen kaum wahrzunehmen.
Aber eines Tages ...
... war da diese Frau.
Ich lächelte sie an.
Sie hatte etwas Verletzliches im Gesicht. Etwas Unsicheres. Als wäre ihr etwas widerfahren und sie bräuchte dringend eine warme Decke. Ihre Mundwinkel zitterten ein wenig und sie blinzelte andauernd, als würde sie mit den Tränen kämpfen. Mit dieser Feuchtigkeit, die man an fremden Orten nicht verlieren möchte.
Ich wusste: Wäre sie allein, würden ihre Schultern zusammensacken. Das Gesicht würde in den Händen verschwinden und es wäre vielleicht laut. Für eine Sekunde. Mehr nicht. Weil Beherrschung die allerbeste Tugend ist. Laut Knigge. Bloß keine Szene.
Ich lächelte ganz vorsichtig.
Die Antwort kam.
Ich lächelte breiter.
Ich schlug die Lider zusammen, so wie Katzen es manchmal zur Begrüßung machen.
Und plötzlich strahlte sie.
Unsere Augen trafen sich und ich hätte schwören können, wir hätten miteinander gesprochen.
Danke.
Bitte.
Schlechter Tag?
Oha ... milde ausgedrückt.
Ja, kenne ich.
Morgen wird besser.
Bestimmt.
Die Bushaltestelle. Sie musste raus. Sie winkte mir. Ich winkte zurück.
Ab diesem Moment …
.
Ich bin mittendrin
Ganz langsam merkte ich, wie sich meine Welt veränderte.
Ich sah Verbindungen. Zwischen mir und der Natur, die mich früher nur als nette Erscheinung begleitet hatte, als wäre sie bloß die Kulisse meines Films.
Ich entdeckte die tiefe Freundschaft zu den Tieren, die bei mir aufwachsen. Die verschiedenen Facetten meiner Hühner. Die beeindruckenden Persönlichkeiten jeder einzelnen.
Ich fühlte mich beschenkt. Nicht beraubt.
Irgendwie war alles neu.
Ein Aldi-Kassierer, der immer, immer brummig war, grinste zurück. Fremde Menschen fingen Gespräche an.
Irgendwann begann ich, die Hermetik, von der ich glaubte, schon alles zu wissen, endlich zu verstehen.
Alles ist in Resonanz und miteinander verbunden.
Und ich ...
Ich bin mittendrin.
Es ist herrlich, in diesem Fruchtwasser zu schwimmen. Und wenn ich mir jeden Tag vor Augen führe, dass ich ein Teil des Ganzen bin, bin ich unendlich dankbar.
Denn letztendlich geht es nur darum:
Die Isolation von mir selbst und der Welt ist zu Ende.
...
Ach ja. Der Beamte. Er lachte. Nicht lange. Aber immerhin lang genug.
Für solche Momente flirte ich mit der Welt.
