Lust, Bestätigung, Selbstliebe? Was Frauen wirklich suchen, wenn sie begehren

19.04.2026

Ein Text über Lust, Bestätigung und weibliches Begehren. Über die Frage, wann Verlangen echt ist und wann es nur der Hunger nach Sichtbarkeit, Lebendigkeit und Bestätigung ist.

Wenn Begehren nach Bestätigung klingt

Manchmal glaube ich, ich will jemanden. Der Puls steigt, das Herz hämmert, das Leben ist wieder da. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, die Gerüche werden intensiver, die ganze Palette von Ach und Och steht bereit. Wenn die andere Person dasselbe Interesse sendet, fühle ich mich bestätigt in meiner Lebendigkeit. Marktanalyse durchgezogen, positive Wirkung vorhanden, Experiment abgeschlossen, du kannst das noch, prima. Händeklatschen.

Vielleicht will ich gar nicht die Person

Wenn ich dann genauer hinschaue, will ich vielleicht gar nicht ihn oder sie. Ich will die Bewegung. Das Knistern, das mein Blut schneller fließen lässt als sonst. Ich begehre dieses Gefühl, für einen Moment nicht egal zu sein. Sichtbar zu sein, bevor ich mich wieder in die lethargische Kälte des normalen Tages einniste. Und fast im selben Moment fange ich an, an mir herumzunörgeln: Kilos müssen runter, die Haut muss straffer, was soll diese neue Falte ausgerechnet jetzt? Da muss mehr Fitness her, mehr Raffinesse, mehr dies, mehr das. In solchen Momenten bin ich mein bester Henker. Wahrscheinlich der bestbezahlte im ganzen Königreich. Da reicht es nicht, nur zu spüren: Ich bin nicht egal. Da muss noch Effizienz darunter, dem Vieh auf dem Markt zum Verkauf gleich.

Lebendig sein oder nur gesehen werden

Ich halte mich ja gern für kompliziert. Vermutlich bin ich oft viel simpler. Ich will berührt werden, gesehen werden, gemeint werden. Und manchmal verwechsle ich genau das mit Lust, Erotik, Sinnlichkeit. Dabei geht die Verwechslung tiefer. Es geht nicht um erotische Lust. Es geht um die Frage: Bin ich noch lebendig? Und wo fängt das Ganze an? Bei mir oder bei den anderen? Wer sich diese Fragen stellt, merkt schnell, dass es mit der Selbstliebe mau bestellt ist.

Wenn Wissen nicht vor Verstrickung schützt

Vor allem, wenn man sich gern für eine Frau hält, die sich längst durchschaut hat. Die über Patriarchat reden kann, mit inniger Inbrunst, als hätte sie das Ganze mit der Muttermilch aufgesogen. Die über Projektionen, weibliche Sozialisation und all den alten Dreck Bescheid weiß. Und dann steht Frau trotzdem da wie eine Idiotin und fragt sich, was das gerade eigentlich war. Lust? Die Freude, sich selbst in einem anderen Licht zu entdecken? Oder nur die primitive Genugtuung, bewundert zu werden, gewollt zu werden, für jemanden von Interesse zu sein, weil man es für sich selbst nicht in sich erzeugen kann?

Was will ich eigentlich wirklich

Mich interessiert dieser Unterschied inzwischen mehr als die alte, brave Frauenfrage, ob ich überhaupt begehrenswert bin. Viel spannender ist doch: Was will ich eigentlich wirklich? Und warum hänge ich Lust, Begierde und Lebendigkeit so schnell an den Blick der anderen? Warum rutscht das alles so leicht in dieselbe Ecke wie nützlich sein, gewollt sein, gemeint sein? Und was davon habe ich mir bloß angewöhnt, weil Frauen genau diese Form von Selbstbetrachtung seit Jahrhunderten lernen? Und was davon ist einfach mein eigenes Defizit?

Der unglamouröse Teil der Wahrheit

Die Fragen sind schwer zuzugeben, weil es viel glamouröser klingt, von weiblicher Lust zu sprechen. Lust als Daseinsberechtigung hat Bedeutung. Physische Präsenz. Kriegerisches, feministisches Potenzial. Nach Bestätigung zu suchen hat eher den Charme eines nassen Pappkartons, der an einer Ecke schon eingeknickt ist. Einen Mangel an Selbstliebe zu entdecken, ist wie ein plötzlicher Stoß mitten ins Herz in der letzten Sekunde des Kampfes. Bitter und süß zugleich. Bitter, weil Frau sich für involviert hielt. Süß, weil wieder eine Schale abplatzt, eine Erkenntnis, die man nicht missen will, wenn man sie einmal entdeckt.

Die innere Zuschauertribüne

Diese Erkenntnis lässt mich merken, wie oft ich darauf trainiert bin, mich selbst beim sinnlichen Verlangen noch von außen zu betrachten, die Schokoladenseite zu zeigen. Bin ich schön dabei? Bin ich interessant? Bin ich frei genug, sinnlich genug, nicht zu viel, nicht zu wenig, unerreichbar, aber bitte doch genug, um gejagt zu werden? Es ist absurd. Selbst im innersten, wildesten Teil sitzt oft noch diese kleine Bordellmama in der Ecke und macht sich Notizen.

Vielleicht ist das der eigentliche Stimmungskiller. Nicht das Alter, nicht der Alltag, nicht der falsche Mann, nicht die falsche Frau, nicht die Hormone. Vielleicht ist es diese ewige innere Zuschauertribüne und die fehlende Erlaubnis, etwas wirklich zu erleben.

Ein bisschen Verliebtheit in uns selbst

Ein bisschen Verliebtheit in uns selbst würde uns Frauen guttun. Nicht diese Wellness-Selbstliebe aus der Auslage. Ich meine etwas Schlichteres: dass wir uns überhaupt einmal als Quelle von Lust für uns selbst denken und nicht nur als deren Dekoration für andere.

Selbstliebe ist nicht Selbstsucht

Ich weiß auch nicht, wie sich Lust wirklich anfühlt. Ich vermische es sehr oft. Vielleicht hängt das alles so eng zusammen, dass man sich unnötig den Kopf zerbricht, es sauber auseinanderzuhalten. Vielleicht ist das im Grunde nicht wichtig. Oder nur für mich. Trotzdem versuche ich, die echte Lust auf mich in mir zu finden. Das hat nichts mit Selbstsucht zu tun. Selbstliebe und Selbstsucht werden viel zu oft in einen Topf geworfen, dabei sind sie fast Gegensätze. Selbstliebe heißt für mich: fähig sein zu lieben, andere, die Welt, sich selbst. Selbstsucht ist eher das Loch darunter. Der Mangel. Man stopft sich selbst hinein, weil man hofft, die Leere für einen Moment ruhigzustellen.

Wenn Begehren echt wird

Manchmal gelingt mir diese Selbstliebe sogar. Nicht oft. Die Jahre des falschen Trainings haben einiges verdreht, bis weit hinein. Aber eines habe ich begriffen: Echtes Begehren ist nicht immer hübsch. Es macht keinen ordentlichen Eindruck. Es passt nicht zuverlässig zu Rollen, Bildern und Erzählungen. Es kann unpraktisch und nervtötend ehrlich sein.

Und wenn das bei mir spürbar ist, dann weiß ich meistens, dass es echt ist. Dann sehe ich mich nicht als interessantes Ding. Dann steige ich mit mir zuerst selbst ins Bett und dann vielleicht mit Begleitperson, als netten Zusatz. Das hat nichts mit Narzissmus zu tun. Es hat damit zu tun, dass ich mich endlich sehe als das, was ich bin: nicht irgendein dekoratives Objekt, sondern ein verdammt geiles Buffet, an dem sich andere bedienen dürfen, wenn ich das will und wie ich das will.

Anik Kina

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