Loslassen sieht aus wie Verlieren

11.05.2026
Verschwommene urbane Szene in Rosa- und Lilatönen: Eine einzelne Person läuft durch eine nasse Stadtlandschaft, überlagert von Spiegelungen und Gerüststrukturen.
Verschwommene urbane Szene in Rosa- und Lilatönen: Eine einzelne Person läuft durch eine nasse Stadtlandschaft, überlagert von Spiegelungen und Gerüststrukturen.

"Hör auf mit dem feministischen Scheiß." Und dann wurde es kompliziert.


Neulich hörte ich von einem Mann den Satz: "Hör auf mit dem feministischen Scheiß."

Es war als Witz gemeint.

Ich wollte gerade ausholen. Aber dann merkte ich, wie mich diese Ohnmacht packte. Diese Kaninchenstarre. Ich dachte: Es ändert sich nie etwas. Egal, was ich jetzt sage, diese alte Rollenverteilung wird bleiben. Für immer.

Ich könnte die Diskussion weiterführen. Streiten. Argumentieren. Mich erklären. Aber ich merkte, dass ich keine Kraft mehr dafür hatte. Keine Kraft, mich wieder zur Zielscheibe machen zu lassen.

"Ich bin nicht der Mann, gegen den du kämpfen musst", sagte er. "Ich bin der Gute."

Tatsächlich wollte ich antworten: "Inwiefern bist du der Gute, wenn du mir den Mund verbietest und etwas, das mir am Herzen liegt, als Scheiß bezeichnest?"

Aber ich sagte nichts.

Wenn Schweigen wie Niederlage schmeckt

Ich verließ den Raum. Wütend. Ich fühlte mich geschlagen. Diese mir altbekannte Wut brummte in meinen Ohren, eine Oktave höher als sonst. Ein Zischen. Ein Teil von mir fühlte sich wieder unendlich müde, degradiert, nicht verstanden und klein.

Dabei ging es gar nicht nur um diesen einen Satz. Es ging um etwas Älteres. Um Täter- und Opferrollen. Und um die Frage, ob wir überhaupt bereit sind, sie zu verlassen.

Sind wir das?

Und wenn ja: wie?

Warum wir unsere Rollen verteidigen

Warum lieben wir diese Rollen eigentlich so sehr? Was gewinnen wir dadurch? Und was wäre der Preis, sie wirklich aufzugeben?

Denn solange jeder nur seine Rolle verteidigt, dreht sich die Gewaltspirale weiter. Der eine verletzt. Die andere reagiert. Der eine fühlt sich plötzlich angegriffen. Die andere wird wütend. Dann kommen Spott und Zynismus.

Vielleicht lieben wir unsere Rollen mehr, als wir zugeben wollen. Die Opferrolle gibt Schmerz eine Form. Die Täterrolle gibt Schuld eine Ausrede. Beides ist bequem. Beides ist zerstörerisch.

Die graue Pfütze der Ambivalenz

Und beides lässt wenig Raum für Ambivalenz. Für diese graue Pfütze, die keiner mag, weil sie so grenzenlos ist. Wir Menschen lieben Grenzen. Unsere kleinen Bewertungen, unsere Klassifizierungen. Wir lieben es, uns durch die Erniedrigung anderer selbst zu erheben.

In einer ambivalenten Haltung wäre das nicht mehr so einfach.

Es wäre, als würde man sich selbst ans Bein pinkeln.

Plötzlich müssten wir Verantwortung übernehmen. Nicht nur für unsere Worte, auch für unsere Gedanken.

Schrecklich kompliziert, das Ganze.

Auch ich ertappte mich bei einem leichten Schauder, zuzugeben, dass ich genau das vermeide. Dabei kann ich einen Teil von ihm verstehen. Auch seine flapsige, zugegeben äußerst unglückliche Äußerung. Unter dieser Äußerung verbirgt sich vielleicht genau das, was ich selbst spüre: Angst? Kontrollverlust? Überforderung?

In diesem Moment ist er nicht nur Täter, sondern auch Opfer.

Mist.

Es wäre so schön, etwas Schwarz-Weißes zu haben. Direkt auf der Hand. Mit "sauer auf dich"-Protokoll.

Aus Schmerz keine Waffe machen

Ich fragte mich: Wie verlässt man eine Opferrolle, ohne die eigene Verletzung zu verraten?

Und dann kommt noch eine berechtigte Frage: Warum hänge ich so an meinen Verletzungen? Was bringt es mir, wenn der Mann sie sieht, vielleicht sogar bestätigt? Wird mich das befreien? Vielleicht. Aber wäre es nicht besser, wenn ich mich selbst von dieser Art zu denken löse?

Ich schweige nicht mehr, wenn mich etwas verletzt. Das habe ich begriffen. Schweigen löst keine Probleme. Gespielte Harmonie auch nicht. Logisch. Nichts Neues erfunden.

Aber eines hat sich doch verändert: Ich versuche, aus meinem Schmerz keine neue Waffe zu schmieden.

Wie verlässt man eine Täterrolle?

Nicht, indem man sagt: "Ich bin doch der Gute."

Vielleicht, indem man aufhört, sich sofort zu verteidigen, sobald jemand sagt: Das hat wehgetan. Indem man innehält und nachdenkt.

Mitgefühl und Verständnis für diese unangenehme Ambivalenz, für sich selbst und ja, auch für den Täter, sind vielleicht die einzige Lösung, die es gibt.

Auch diese Theorie ist nichts Neues. Religionen und Philosophie sind voll davon. Nur: Gesprochenes Mitgefühl ohne echte Taten dahinter ist billige Sentimentalität. Es kostet nichts.

Deswegen bin ich zu diesem Mann zurückgekehrt und habe ihn gebeten, mir das zu erklären.

Und ja, manches daran konnte ich verstehen. Um Gottes willen nicht alles. Aber manches. Die Verwirrung in dieser neuen Männerwelt. Das Chaos, dem noch nicht alle gewachsen sind. Auch die andauernden Beschuldigungen von Frauen für Taten, die manche Männer vielleicht nicht einmal begangen haben. Fehlende Autoritäten. Pauschalisierungen. Auch von mir.

Auch Männer werden vom System zerdrückt

Ich habe verstanden: Nicht nur ich plage mich mit dem System. Auch Männer sind dessen Opfer. Ob sie wollen oder nicht. Die Maschinerie des langsamen Zerdrückens funktioniert auch in männlichen Strukturen. Vielleicht ein Tick versteckter. Aber nicht weniger wirkungsvoll.

Und trotzdem ist mir klar: Macht ist nicht gleich verteilt. Nicht historisch, nicht gesellschaftlich, nicht körperlich, nicht ökonomisch.

Wenn ich sage, dass auch Männer Opfer dieses Systems sind, meine ich damit nicht, dass alle Verletzungen dasselbe Gewicht haben.

So einfach ist es leider nicht.

Das ist der Punkt.

Warum niemand als Erstes loslässt

Wir alle sind müde und überfordert, weil dieses System so langsam stirbt und kein neues System weit und breit erkennbar ist.

Aber die Spirale dreht sich nicht, weil wir böse sind.

Sie dreht sich, weil der Moment, in dem man sie unterbrechen könnte, immer genau dann kommt, wenn man am wenigsten Kraft hat.

Und weil niemand als Erstes loslässt.

Weil Loslassen wie Verlieren aussieht.

Die eigentliche Frage

Vielleicht ist das die eigentliche Frage:

Wie lernt man, als Erstes loszulassen, ohne sich dabei zu verraten?

Und wieder muss ich an diese scheiß Ambivalenz denken.

Anik Kina



Was ist dieser Text?

Ein persönlicher Essay über Feminismus, Männer, Ambivalenz, Opferrollen, Täterrollen und die Schwierigkeit, aus alten Konfliktmustern auszusteigen.

Worum geht es in diesem Artikel?

Der Artikel beschäftigt sich mit Geschlechterrollen, emotionaler Erschöpfung, patriarchalen Strukturen und der Frage, warum Menschen oft an Täter- und Opferrollen festhalten. Im Mittelpunkt steht die Suche nach einem Umgang mit Konflikten, der Verletzungen ernst nimmt, ohne daraus neue Gewalt entstehen zu lassen.

Für wen ist dieser Text?

Für Menschen, die sich mit Feminismus, Beziehungen, gesellschaftlichem Wandel, Machtstrukturen, Wut, Verletzlichkeit und Ambivalenz auseinandersetzen möchten.

Zentrale Begriffe

Feminismus, Männer, Opferrolle, Täterrolle, Ambivalenz, Patriarchat, Geschlechterrollen, Machtstrukturen, Loslassen, Wut, Verletzung, gesellschaftlicher Wandel, Selbstreflexion, emotionale Erschöpfung.


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