Du bist doch keine Ausländerin. Du bist unsere Anik

Erinnerungen an Polen, die Freiheit, den Neuanfang und ein Wort, das bis heute trennt.
Anik Kina
Juli 07, 2026
Schwarze Löcher
Wir sind bei unseren Nachbarn, weil sie so etwas wie einen Fernseher hatten. Ich sah auf dem Bildschirm einen Mann, ernst, mit einer riesigen Brille, die sein halbes Gesicht verdeckte. Sie war schwarz und undurchsichtig. Für mich waren es beängstigende Löcher, die mich bis heute in Alltagsträumen verfolgen.
Seine ruhige, emotionslose Stimme machte alle nervös, auch mich, obwohl ich damals nicht viel verstand. Aber meine kindlichen Antennen spürten die Angst der Erwachsenen, die sich plötzlich aus diesen bodenlosen schwarzen Kreisen und aus dieser Stimme ergoss, die in meinen Ohren donnerte.
Meine Mutter bedeckte ihren Mund mit der Hand, ihre Augen weiteten sich bis ins Unendliche. Diese starke, unerschütterliche Frau, die drei Kinder geboren hatte und von morgens bis abends schuftete, hatte panische Angst. Mein Vater fluchte leise.
Alle starrten auf dieses Gesicht. Damals wusste ich nicht, was Kriegsrecht bedeutet. Aber ich wusste: Wenn meine Mutter so aussieht, ist etwas passiert, das größer ist als unser Wohnzimmer.
Ab diesem Tag war Jaruzelski in mein Gedächtnis eingebrannt. Schwarz-weiß. Für immer.
13. Dezember 1981
Wir sprechen vom 13. Dezember 1981. Ich war sieben Jahre alt. Bis dahin waren Krieg, Sowjetunion und die politische Lage für mich abstrakte Begriffe. Das Leben früher war nie einfach, nicht für meine Eltern, nicht für mich und meine Geschwister, aber man hatte trotzdem Spaß. Selbstgebranntes war eine allgemeine Währung, und immer war Zeit für ausgelassene Nachbarschaftsfeste mit Essiggurken und Schmalzschnittchen. Auf die Schnelle. Wir Kinder konnten lange draußen spielen, der Wald war nicht weit.
Bis zu diesem Zeitpunkt.
Plötzlich Militär auf den Straßen, Panzer, Ausgangssperren, leere Geschäfte, unterbrochene Telefonleitungen. Der Käfig, der Polen damals war, halbierte in einer Nacht seine Größe, bis kaum noch Luft zum Atmen blieb. Die Wende rückte näher, aber niemand sprach mit uns Kindern darüber. Niemand erklärte etwas. Das Schweigen ist meine erste wahre Erinnerung an diese Zeit.
Die Schlangen
Und die Schlangen.
Jeden Freitag nach der Schule. Egal, wie heiß, kalt oder langweilig es war: Freitag war Schlangentag. Im Geschäft Społem. Ich war in der ersten Klasse und habe ziemlich schnell lesen gelernt durch dieses ewige In-der-Schlange-Stehen. Wenigstens etwas Positives in dem Ganzen.
Niemand fragte: Was gibt es? Alles war Mangelware. Außer Essig und Senf.
Meine Eltern schufteten beide, und wir Geschwister waren Schlüsselkinder. Wir kannten Schokolade aus Margarine, dieses widerliche Zeug, und Kaffee als etwas Besonderes. Zucker war manchmal ein Schatz. Es war Alltag.
Schlaraffenland
Später hat sich die Situation auch in meiner Familie etwas verbessert. Schwarzarbeit im Ausland. Mein Vater, mein Bruder, Onkel, Cousins, meine halbe Familie war unterwegs, um Geld zum Leben zu verdienen. Und die Frauen warteten zu Hause und sahen ihre Männer manchmal nur einmal in drei Monaten.
Die Geschichten über Supermärkte, die tonnenweise Schokolade bunkerten, vergesse ich bis heute nicht. Eldorado. Schlaraffenland. Orangen, die man einfach so isst und nicht mit einem ganzen Bataillon von Verwandten teilen muss. Das war für mich lange, lange Zeit unvorstellbar.
Mit der Zeit arrangierte man sich irgendwie. Natürlich war die politische Lage ernst, und die Lügen im Fernsehen waren legendär. Bis heute höre ich in meiner Erinnerung die Stimme einer Sprecherin, die sagte, der Fünfjahresplan sei ein voller Erfolg gewesen und wir könnten als Land sogar Überproduktion feiern. Alles war super. Einfach super. Wer braucht schon Schuhe, Schnürsenkel oder Brot? Man kann doch wunderbar von Propaganda und heißer Luft leben.
Aber wie gesagt: Man arrangierte sich mit allem. Schlimmer geht immer. Polnische Devise.
Die Freiheit
Und dann kam der Runde Tisch.
Vom 6. Februar bis zum 5. April 1989 verhandelten die Regierung und die Solidarność miteinander. Lech Wałęsa war plötzlich nicht mehr nur ein Name, der geflüstert wurde. Die Wende stand nicht mehr nur irgendwo am Horizont, sie saß auf einmal mit am Tisch.
Ich war vierzehn.
Am 4. Juni 1989 fanden die ersten teilweise freien Wahlen statt. Und plötzlich war da dieses Wort: Freiheit. Groß, glänzend, gefährlich. Alle hatten darauf gewartet. Alle hatten gehofft. Und trotzdem wusste niemand so genau, was jetzt mit uns passieren würde.
Schocktherapie
Am 1. Januar 1990 begann die sogenannte Schocktherapie. Der Kapitalismus kam nicht leise herein. Oh nein. Er trat die Tür ein. Preise wurden freigegeben, Betriebe gerieten ins Wanken, Arbeit verschwand, Sicherheiten lösten sich auf.
Wilder Westen. Alle witterten Chancen, ergriffen sie und machten Pleiten. Plötzlich musste man so etwas wie Computer kennen, am besten gestern, und Englisch sowieso. Russisch, das ich gelernt hatte, war plötzlich: adieu. Alles, was ich gelernt hatte, war nicht mehr richtig. Wieder veränderte sich über Nacht alles. Es wurde schneller, bunter und gefährlicher.
Damals existierte so ein Wort wie Trauma für uns nicht. Heute weiß ich: Wir waren alle traumatisiert. Als hätte man uns fast verhungern lassen und dann plötzlich mit Erbsensuppe und Speck gefüttert. Von so einer Behandlung kotzt man, bekommt Durchfall oder stirbt – ganz einfach. Und viele sind daran gestorben.
Ich war fünfzehn Jahre alt.
Und wieder erklärte uns niemand, was das mit unserem Leben machen würde. Niemand erklärte Arbeitslosigkeit. Im Sozialismus war Arbeit offiziell keine Frage. Arbeit hatte jeder. Ob man davon leben konnte, war etwas anderes. Aber plötzlich gab es Menschen, die arbeiten wollten und keine Arbeit fanden.
1993 lag die offizielle Arbeitslosigkeit in Polen bei über sechzehn Prozent. Das klingt heute vielleicht nach einer Zahl. Für uns war es keine Zahl. Es war die Luft, die plötzlich fehlte.
Drei Tage
Und wieder waren wir jungen Menschen gezwungen zu wählen. Ich auch.
Ich erinnere mich noch, wie mein Onkel zu mir kam und sagte:
"Ich habe einen Job als Küchenhilfe für dich in Deutschland. Du hast drei Tage, um dich zu entscheiden."
Ich wohnte damals in meiner Traumstadt und studierte mein Traumstudium: Literaturwissenschaft. Aber ich hatte kaum Geld, weil eben der Job fehlte. Ich packte meine Sachen, verabschiedete mich von meinen Freunden und war plötzlich in Deutschland.
Deutschland
Das erste Jahr bestand aus Sehnsucht, Heimweh, Trennung und nicht gerade besonderer Behandlung durch manche Menschen, die meinten, eine junge Frau aus Polen könne man ruhig als geldgierige Nutte bezeichnen und auch so behandeln.
So ist meine Geschichte.
Warum ich das schreibe
Warum ich das schreibe?
Nicht, um mich in meinem damaligen Schmerz zu suhlen. Obwohl, ein wenig schon. Schreiben hilft immer.
Ich schreibe das, um zu verdeutlichen: Ich bin ein Mensch, der am eigenen Leib erlebt hat, was es bedeutet, die eigene Heimat zu verlassen. Wieder fast über Nacht. Nicht aus Langeweile. Nicht aus Abenteuerlust. Sondern weil politische Umstände, Armut und fehlende Möglichkeiten einen irgendwann zwingen, das Notwendige zu tun, um zu überleben.
Wenn ich mit AfD-Anhängern streite, dann nicht, weil ich Lust auf Streit habe. Ich tue es, weil ich als Ausländerin in diesem Land betroffen bin. In diesem Land, in dem ich seit fünfundzwanzig Jahren lebe. In diesem Land, in dem ich mein Kind geboren und erzogen habe. Einen starken, wunderbaren Menschen, der, da bin ich sicher, nur Gutes für Deutschland und für die Welt bringen wird.
Ich habe hier eine stabile Familie gegründet, gearbeitet und Steuern gezahlt. Ich habe dieses Land nicht allein aufgebaut, keine Sorge. So größenwahnsinnig bin nicht einmal ich. Aber ich habe meinen Teil dazu beigetragen. So wie Millionen andere Menschen, die irgendwann von irgendwoher kamen und geblieben sind.
Ein Land wird nicht nur von denen gebaut, die am lautesten "Wir" schreien.
Ein Land wird jeden Morgen gebaut.
Unsere Anik
Ein Freund sagte einmal zu mir:
"Du bist doch keine Ausländerin. Du bist unsere Anik."
Dieser Satz hat mich lange beschäftigt.
Für irgendjemanden ist jeder Mensch irgendwann einfach Anik.
Populismus ist einfach
Ich schreibe diesen Text für diejenige, die AfD wählen. Für die, die glauben, man verlässt freiwillig seine Heimat, obwohl man dort alles hat.
Und ja, ich sage ausdrücklich AfD. Nicht "manche Menschen". Nicht "die Gesellschaft". Ich meine AfD-Anhänger, die mich und andere auf Plattformen angreifen und über "die Ausländer" reden, als wären wir ein Schaden am deutschen Teppich.
Natürlich ist das eine Pauschalisierung. Aber wenn AfD-Anhänger über Migranten und Menschen in Not pauschal urteilen, ohne sich an Fakten zu halten, warum sollte ich so tun, als wäre ihre Kälte eine sachliche Debatte?
Lassen wir uns für einen Moment ein wenig populistisch sein.
Populismus ist einfach.
Menschlichkeit offenbar nicht.
