Darf man seine Meinung ändern?

Ein Satz, der hängen blieb
Als ich ungefähr sechzehn war, hörte ich eine Meinung über mich, die mich bis ins Mark erschütterte.
Ausgelöst wurde sie durch etwas ziemlich Banales.
In meiner damaligen Clique gab es einen Jungen, über den alle schlecht redeten. Er galt als einfach unsympathisch.
Einen Tag zuvor hatte ich ihn zufällig beobachtet und dabei etwas Merkwürdiges festgestellt: So schlimm fand ich ihn gar nicht.
Mehr noch. Mir fiel auf, wie unfair wir alle waren.
Kein Engel
Wobei ich an dieser Stelle ehrlich sein muss: Ich stelle mich damit gerade ein bisschen als Engel dar, und ich war alles andere, aber kein Engel.
Wenn in unserer Clique jemand ausgelacht wurde, war ich oft nicht diejenige, die einschritt. Eher die Erste, die lachte, und die Letzte, die aufhörte.
Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich damals selbst fast acht Jahre lang gemobbt worden war. Und mit Mobbing meine ich nicht Getuschel auf dem Schulhof oder blöde Sprüche hinter dem Rücken.
An guten Tagen war ich die Unberührbare.
An schlechten Tagen der Pingpongball der ganzen Klasse.
Bis heute weiß ich nicht genau, wie ich das überstanden habe.
Zugehörigkeit ist eine gefährliche Droge
Als ich die Schule wechselte, fand ich einen Anker und wollte sehr verzweifelt dazugehören.
Vielleicht war ich gerade deshalb bereit, Dinge zu tun, auf die ich heute nicht besonders stolz bin.
Das erklärt manches.
Es macht nichts davon schön.
Gott sei Dank dauerte diese Phase nicht lange: sich durch Grausamkeit Zugehörigkeit zu verschaffen.
Ganz bald entdeckte ich Alkohol und meine verborgene Seite. Nämlich, dass ich ziemlich partytauglich war, sobald das edle Getränk Wodka auf der Agenda stand.
Damals dachte ich: Jetzt endlich wird das Leben leicht.
Meine Leber war da vermutlich anderer Meinung.
Trotzdem: Die Zungenfreiheit war endlich da.
Ich war der Narr, der sich ziemlich viel erlauben konnte. Auf Kosten aller, nicht unbedingt einer einzelnen Person.
Ich bin Polin. Ich habe den Kommunismus relativ schnell verstanden: Wenn schon Mangel, dann gerecht verteilt. Das goldene Prinzip dieses Systems habe ich quasi mit der Muttermilch ausgesoffen.
Ich war die Staatsgewalt des Humors: subversiv, aber irgendwie vom System geduldet.
Opfer, Täter und dieser ganze hässliche Mechanismus
Menschen werden durch Schmerz nicht automatisch besser.
Manchmal werden sie erst einmal grausamer.
Vor allem dann, wenn sie glauben, damit verhindern zu können, wieder selbst zum Ziel zu werden.
Diese Dynamik zwischen Opfer und Täter war mir am Anfang schleierhaft.
Heute weiß ich: Genau nach diesem Prinzip funktioniert in unserem System fast alles. Auf jeder Ebene.
Und wenn man nicht wirklich aufpasst, geht man in genau diesem Modus durchs Leben und merkt es nicht einmal.
Zurück zu diesem Jungen
Aber zurück zu unserem Jungen.
Als ich ihn beobachtete, sagte ich laut, dass ich ihn gar nicht so schlecht finde.
Das war eigentlich nicht wirklich gewollt. Eher ein lauter Gedanke, den ich unachtsam rausgeschickt hatte.
Ich erschrak selbst darüber, was ich da gerade von mir gab.
Man muss wissen: Ich sagte damals nicht viel.
Und das, was ich sagte, war sehr, sehr kontrolliert.
Bis der Alkohol kam.
Hmmm.
Daraufhin sah mich meine damals beste Freundin an und sagte:
"Du bist wie ein Fähnchen im Wind. Sobald der Wind sich dreht, wechselst du die Richtung."
Es war nur ein Satz.
Aber er traf mich mit voller Wucht.
Kein Fähnchen im Wind
Das war das erste Mal, dass ich mich mit der Frage auseinandersetzte, wer ich bin.
Nicht nur mit der Opferrolle, die mir dermaßen in die Haut gewachsen war, dass ich meine eigene Identität kaum fand.
Da stellte ich fest: Ich wollte kein Fähnchen im Wind sein.
Ich wollte loyal sein.
Verlässlich.
Charakterstark.
Und so begann etwas Merkwürdiges.
Ich wurde nicht loyal gegenüber Menschen.
Ich wurde loyal gegenüber meinen Meinungen.
Wenn ich einmal etwas für richtig hielt, verteidigte ich es.
Mit Zähnen.
Wenn ich jemanden meinen Freund nannte, hielt ich an ihm fest.
Wenn ich eine Position hatte, kämpfte ich darum.
Und ehrlich gesagt war ich ziemlich stolz darauf.
Ich nannte mich selbst eine gute Freundin, weil alles, was ich tat, angeblich für meinen Freundeskreis war.
Und ich tat einiges.
Ich nannte mich frei und unabhängig, weil ich Meinungen hatte.
Das Leben widerspricht gern
Bis das Leben anfing, mir eine unangenehme Lektion zu erteilen.
Denn das Leben hat eine Eigenart:
Es stellt unsere Meinungen ständig infrage.
Und die Leugnungen, Lügen und Vermeidungen, die wir uns selbst auf den Teller legen, bis zum Erbrechen kauen und stolz "meine feste Meinung" nennen, passen selten zum Leben.
Es zeigt uns Situationen, die komplizierter sind als unsere Urteile.
Es zwingt uns, Widersprüche auszuhalten.
Und manchmal beweist es uns gnadenlos, wie sehr wir uns geirrt haben.
Eine Meinung ist kein Besitz
Heute frage ich mich deshalb etwas anderes:
Ist Loyalität gegenüber der eigenen Meinung wirklich eine Tugend?
Oder ist sie manchmal nur Angst?
Angst vor dem Vakuum, das entsteht, wenn der eigene Standpunkt plötzlich nicht mehr in die Welt passt, die man sich gebaut hat.
Guckt hier.
Guter Bürger.
Hoch die Hände!
Angst davor, buchstäblich den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Findest du nicht auch, dass eine Meinung kein Besitz ist?
Sie ist eine Momentaufnahme im Jetzt.
Ein eingefrorener Blickwinkel.
Ein Stück Realität, das wir für die ganze Realität halten, weil es gerade alles ist, was wir sehen können.
Nicht die Wahrheit.
Nur der Ausschnitt, der uns im Moment zur Verfügung steht.
Die andere Matrix
Doch wie hält man es aus, wenn das Gewicht des Ausgesprochenen so verdammt schwer wird und weit und breit kein Versteck mehr zu finden ist?
Wenn selbst die letzte Bastion der Normalität, die feste Meinung und das Recht darauf, plötzlich nicht mehr normal erscheint?
Dieses ziemlich grausame Wissen, das entsteht, wenn Gewissheiten anfangen zu bröckeln.
Ich nenne das die andere Matrix: Ambivalenz.
Etwas, das ich früher als Schwäche, Verrat oder Dummheit abgestempelt habe.
Heute nenne ich es einen Türöffner.
Vielleicht sogar den Heiligen Gral.
Die Freiheit, zwei widersprüchliche Dinge gleichzeitig auszuhalten, ohne sofort eine Fahne in den Boden rammen zu müssen.
Nicht nur das Opfer zu verstehen, auch den Täter.
Und zwar in der ganzen Brutalität mancher Taten.
Ist das falsch?
Oder ist das der Anfang?
Der Anfang von Milde?
Der Anfang von Verstehen, dass unsere Taten manchmal mit dem, was wir in diesem Moment wirklich sind, nicht besonders viel zu tun haben könnten?
Vielleicht ist das Freiheit
Die Freiheit zu sagen:
Ich weiß es nicht.
Noch nicht.
Und vielleicht auch nie ganz.
Wenn sich unser Wissen verändert, warum sollte sich dann nicht auch unsere Meinung verändern dürfen?
Die eigentliche Frage ist für mich heute nicht mehr:
"Hast du eine feste Meinung?"
Vielmehr:
"Kannst du aushalten, dass sie falsch sein könnte?"
