Eigenlob stinkt. Und manchmal ist das Buch nicht einmal lieferbar.

05.10.2026
Cover der Romane „Schätzchen, sag einfach … NEIN!“ und „Schätzchen, sag einfach … JA!“ von Anik Kina vor einem rosa-violetten Hintergrund.
Zwei Buchcover der Romane „Schätzchen, sag einfach … NEIN!“ und „Schätzchen, sag einfach … JA!“ von Anik Kina stehen nebeneinander vor einem rosa-violetten Hintergrund.

Über Bescheidenheit, Eigenlob und die Kunst, zur eigenen Arbeit zu stehen

Heute ist der 30. September. Mein Veröffentlichungstag. Also offiziell. Inoffiziell ist die Lage etwas … übersichtlich. Kindle funktioniert. Die Printausgabe nicht. Meine Autorenexemplare von epubli sind ebenfalls noch nicht da. Ich veröffentliche heute also ein Buch, das andere Menschen als gedruckte Ausgabe gerade nicht kaufen können. Hervorragend. Wo ist die Konfettitüte, wenn man sie braucht?

Als ich endlich einen Menschen im Servicebereich meines Distributors an der Strippe hatte, erklärte sie mir mit erstaunlicher Ruhe, ich müsse verstehen: Krankheiten, Veröffentlichungswelle, zu wenig Leute … und so weiter. Ich finde das fast schon konsequent vom Universum als Antwort auf mein ziemlich mieses Vermarktungstalent.

Eigentlich wollte ich einen ganz anderen Artikel schreiben. Über das, was es bedeutet, Autorin zu werden. Über den Schreibprozess, den Zauber des Anfangs und darüber, wie wichtig Träume sind. Ich wollte über alles andere schreiben als über Marketing, Selfpublishing und Verkauf.

Dann kamen Laut & Leise und Simon M. Jahr um die Ecke und stellten mir ein paar Fragen zu meinem Buch. Genauer gesagt zu meiner erstaunlichen Fähigkeit, ein Buch zu schreiben, einen Verlag zu gründen, Lektorat und Grafik zu bezahlen, mich durch ISBNs, Metadaten, E-Books, Druckdateien, Buchhandel, Amazon, Tolino und Dinge zu kämpfen, deren Namen ich vor zwei Jahren nicht einmal kannte. Und danach vollständig daran zu scheitern, einen sehr einfachen Satz zu sagen:

Kauft mein Buch. Es ist gut. Und wenn ihr schon dabei seid, kauft den ersten Teil gleich mit. Der ist nämlich auch ziemlich passabel.

Merkwürdig. Ich kann inzwischen mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit Geld an Druckereien überweisen. Mit stoischer Gleichgültigkeit Tausende Euro an Lektorat und Grafik schicken. Ich kann mich mit Dateiformaten beschäftigen, bei denen mein Gehirn bereits beim Öffnen des Menüs leise seufzt und den Ausgang sucht. Ich kann stundenlang darüber diskutieren, ob ein Buch 15,99 oder 16 Euro kosten sollte oder ob das Pink auf dem Cover wirklich den feministischen Hintergrund meiner Protagonistinnen verkörpert. Weil: Wer weiß. Rosa könnte angebracht sein.

Aber zu sagen: Ich habe etwas Gutes gemacht. Da wird es plötzlich kompliziert. Beinahe unmöglich. Und es geht nicht einmal nur um die Qualität des Schreibens. Schon allein die Tatsache, etwas Großes zu Ende gebracht zu haben. Vervollständigt. Fertig. Ist das der Rede wert? Oder nicht?

Sei gut. Aber erzähl bloß keinem davon.

Durch die Fragen meiner Leserinnen und Mitschreibenden begann ich mich zu fragen, woran dieses Problem eigentlich liegt. Denn offensichtlich habe ich eins. Bin ich einfach schlecht im Marketing? Fehlt mir dieses Gen, mit dem andere Menschen morgens aufstehen, ein Foto von ihrem Kaffee posten und darunter schreiben: "Heute möchte ich euch von meinem unglaublichen Projekt erzählen"? Ich bekomme schon beim Wort "unglaublich" leichte Atemnot.

Also habe ich nachgesehen. Wie immer, wenn ich etwas nicht verstehe, suche ich erst einmal nach Statistiken. Es hilft ungemein, die Schuld zunächst wissenschaftlich zu verteilen. Und ich habe einiges gefunden. Sehr viel sogar. Genug Studien und Statistiken, um daraus einen eigenen Artikel zu machen. Wer sich dafür interessiert: Das vollständige Quellenverzeichnis steht unten.

Lassen wir hier nur eine Sache kurz stehen: Ich bin nicht allein. Statistisch gesehen haben Frauen größere Schwierigkeiten als Männer, die eigene Leistung sichtbar zu machen und darüber zu sprechen. Die Gründe dafür sind komplex und reichen von Erziehung bis zu gesellschaftlichen Erwartungen. Für diesen Artikel reicht mir erst einmal die Erkenntnis: Das Problem ist offenbar nicht nur meins. Das beruhigt mich ungemein. Geteiltes Leid ist schließlich auch eine Form von Gemeinschaft.

Nur reicht mir die Antwort "Frauen sind eben so" nicht. Sie erklärt zu wenig und entschuldigt zu viel.

Also stellte ich mir die Frage anders: Was genau stört mich eigentlich daran, meine eigene Leistung wahrzunehmen und darüber zu sprechen? Warum fällt es mir so schwer, mich für einen Moment in den Mittelpunkt zu stellen und einfach zu sagen: Ja. Ich habe zwei Bücher geschrieben. Ich bekomme gute Rezensionen. Ich entwickle Journale, die Frauen helfen können, ihre Emotionen besser zu verstehen und anzunehmen. Ich habe einen Verlag gegründet. Und ich ziehe diesen ganzen Wahnsinn tatsächlich durch.

Warum muss sofort die Relativierung hinterher? Der Witz? Das schnelle: Na ja, so großartig ist es jetzt auch wieder nicht.

Ein Prinz, der irgendwann um die Ecke kommt, mich auf einen Sockel stellt und feierlich verkündet: Diese Frau hat etwas geleistet!, wird vermutlich nicht erscheinen. Also bleibt eine unangenehme Möglichkeit: Ich muss es selbst tun. Und ja, meine Arbeit auch verkaufen.

Genau da beginnt mein eigentliches Problem. Ich habe jahrelang als Verkäuferin gearbeitet, in verschiedenen Branchen und Strukturen. Und ich war gut. Ich konnte buchstäblich einem Mann mit Glatze tausend verschiedene Kämme verkaufen und noch einen Föhn dazu, und der hätte es nicht einmal gemerkt. Verkaufen an sich ist also nicht das Problem. Für andere verkaufen schon gar nicht.

Nur sobald es um meine eigenen Produkte geht, sind sie plötzlich der Rede nicht wert. Denn plötzlich ist das, was man selbst geschaffen hat, ein Produkt. Und man selbst soll gleich mit zur Marke werden.

Du bist jetzt eine Marke.

Allein der Satz löst bei mir ungefähr die gleiche Begeisterung aus wie: "Wir müssen noch kurz über die Steuer sprechen."

Eine Marke zu sein bedeutet, sichtbar zu sein. Im Scheinwerferlicht zu stehen. Für das, was man tut, geradezustehen. Und genau an dieser Stelle vermischt sich für mich etwas, das ich erst langsam auseinanderhalten lerne:

Sichtbar zu sein ist nicht dasselbe, wie sich selbst zu verkaufen.

In meiner Jugend habe ich gelernt: Sei tüchtig. Sei bescheiden. Mach deine Arbeit gut und rede nicht zu viel darüber. Wenn sie wirklich gut ist, werden die Menschen es schon merken.

Bescheidenheit und Tüchtigkeit. Zwei Wörter, die in meinem persönlichen Wörterbuch inzwischen ungefähr neben Fußpilz und Magenbeschwerden stehen. Und trotzdem sitzen sie erstaunlich tief. Gekoppelt mit Scham bilden sie ein unzertrennliches Trio, das sich gegenseitig bewirtet und unterhält. Kaffeekränzchen für Minderwertigkeitskomplexe.

Auf den ersten Blick klingt dieses Prinzip sogar edel: Gute Arbeit braucht keinen Applaus. Nur ist es ein Trugschluss. Das ist ein bisschen wie mit der Wahrheit. Man glaubt inbrünstig daran, dass sie am Ende gewinnt, obwohl man genug Beispiele kennt, bei denen sie es nicht tut. Mit guter Arbeit ist es genauso.

Niemand entdeckt zufällig mein Buch in meinem Computer. Niemand weiß automatisch, dass ich Journale entwickle. Niemand ahnt durch telepathische Verbindung, dass heute mein zweiter Roman erscheint. Man muss darauf aufmerksam machen. Sonst schreibt man und hofft, hofft, hofft. Und dann stirbt man irgendwann. Still, aber voller Hoffnung. Wie edel.

Willkommen im Selfpublishing. Hier ist dein Megafon.

Ich bin die Autorin. Ich bin der Verlag. Ich bin die Presseabteilung. Ich bin das Marketing. Ich bin die Person, die das Instagram-Reel machen soll. Und offenbar muss ich gleichzeitig diejenige sein, die sich morgens selbst sagt: Du bist gut.

An dieser Stelle übrigens: Vielen Dank, Juvel, für Zuspruch und Mutmachen.

Nein. Eigentlich reicht mir das schon wieder nicht. Ich möchte lernen zu sagen:

Du bist hervorragend.

Marketing kann man lernen. Man kann lernen, wie Amazon funktioniert. Zumindest theoretisch. Wie man Bücher präsentiert und Anzeigen schaltet. Man kann sogar irgendwann verstehen, was A+ Inhalte sind, obwohl ich inzwischen überzeugt bin, dass Amazon sie ursprünglich entwickelt hat, um herauszufinden, wie viele Stunden ein Mensch im Bademantel verbringen kann, bevor er endgültig den Verstand verliert.

Das alles kann man lernen. Aber das ist nur die eine Hälfte.

Die andere ist viel unangenehmer: Man muss die eigenen Erfolge überhaupt wahrnehmen. Sie würdigen. Sich mit ihrem Ausmaß beschäftigen, anstatt so zu tun, als seien sie irgendwie vom Himmel gefallen und man selbst zufällig danebengestanden. Sich selbst dafür umarmen. Mit sich mitfühlen. Sich bedanken für die Geduld, fürs Ausharren, für die Arbeit. Sich selbst loben. Jeden verfickten Tag. Ohne Punkt und Komma und vor allem ohne dieses schnelle: Ach, das war doch nichts!

Denn ich habe diese Bücher geschrieben. Ich habe diesen Verlag gegründet. Und wenn ich selbst nicht glaube, dass meine Arbeit wertvoll ist, warum sollte jemand anderes das automatisch für mich übernehmen? Die eigene Arbeit zu würdigen bedeutet nicht, sich für genial zu halten. Es bedeutet nur, nicht ständig so zu tun, als hätte man mit dem eigenen Erfolg nichts zu tun.

Ich habe gutes Korn ausgewählt, es ausgesät, gegossen und gepflegt. Ich habe mich um die Sprossen gekümmert, bis sie reif für die Ernte waren. Jetzt ist daraus ein fertiges Produkt geworden. Hundert Prozent Bio, ofenfrisch, leicht eigenwillig und mit meinem Namen darauf.

Das darf ich verkaufen.

Also gut. Heute ist der 30. September. Mein zweiter Roman erscheint. Zumindest digital. Die Printausgabe hat beschlossen, sich diesem Anlass mit einer gewissen zeitlichen Distanz zu nähern. Sei's drum. Auch meine eigenen Exemplare fehlen noch.

Es gibt keine Champagnerfontäne. Keine Schlange vor einer Buchhandlung. Nicht einmal ein verdammtes Paket vor meiner Haustür. Ich habe dreimal nachgesehen und sogar die Nachbarn befragt, in der Annahme, der Postbote, der mich beim Namen kennt, hätte plötzlich vergessen, wo ich wohne.

Aber das ändert nichts an einer Sache:

Ich habe mein zweites Buch geschrieben und veröffentlicht. Und ich bin stolz darauf.

Da steht es. Ganz ohne Prinzen.



Quellen:

Exley, Christine L. & Judd B. Kessler (2022): The Gender Gap in Self-Promotion. The Quarterly Journal of Economics, 137(3), 1345–1381. DOI: 10.1093/qje/qjac003.

Peng, Hao; Teplitskiy, Misha; Romero, Daniel M. & Horvát, Emőke-Ágnes (2025): The gender gap in scholarly self-promotion on social media. Nature Communications, 16, Article 5552. DOI: 10.1038/s41467-025-60590-y.

Rudman, Laurie A. (1998): Self-Promotion as a Risk Factor for Women: The Costs and Benefits of Counterstereotypical Impression Management. Journal of Personality and Social Psychology, 74(3), 629–645. DOI: 10.1037/0022-3514.74.3.629.

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